Bulgarien mit dem Flüchtlingsstrom überfordert

Die bulgarische Grenzpolizei meldet bis zu 100 Syrer pro Tag, meist Frauen und Kinder, die illegal aus der Türkei in das EU-Land gelangen.

Menschenhändler haben Hunderte Flüchtlinge in der Wüste sich selbst überlassen.
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Damaskus/Sofia - Die Flüchtlingssituation an der bulgarisch-türkischen Grenze spitzt sich täglich zu. Die bulgarische Grenzpolizei meldet bis zu 100 Syrer pro Tag, meist Frauen und Kinder, die illegal aus der Türkei in das EU-Land gelangen. In den Auffangzentren nahe der türkischen Grenze und in der Hauptstadt Sofia befinden sich derzeit mehr als 5000 syrische Flüchtlinge. Die Kapazität der Unterbringungsheime ist längst erschöpft. Bis Jahresende rechnet Bulgarien mit bis zu 10.000 weiteren Flüchtlingen aus dem Bürgerkriegsland. „Verglichen mit anderen Ländern ist dies eine kleine Zahl, doch Bulgarien ist das ärmste EU-Land“, argumentierte der bulgarische Ministerpräsident Plamen Orescharski die Absicht, Finanzhilfe aus der EU einzufordern. Laut Regierungsangaben gibt Bulgarien rund fünf Millionen Euro monatlich für die syrischen Flüchtlinge aus.

Grenzschließung sei keine Lösung

Die sozialliberale Regierung in Sofia tut sich mit der sich zuspitzenden Flüchtlingssituation an der bulgarisch-türkischen Grenze schwer. Nur einen Tag, nachdem Verteidigungsminister Angel Najdenow die Schließung der Grenze als eine Notfalllösung gegen die Flüchtlingswelle genannt hatte, kam das Dementi aus höchster Ebene – Ministerpräsident Orescharski betonte am Montag gegenüber Journalisten, die Grenzschließung sei keine Lösung, denn es handle sich um ein humanitäres Drama. „Wir haben einen Krisenstab gebildet, der die Situation stündlich verfolgt. Seit Ende August haben wir die Sicherheitsmaßnahmen an der Grenze verschärft. Wir wollen einerseits Menschlichkeit zeigen, andererseits können wir nicht zulassen, dass radikale Elemente unter dem Vorwand, Flüchtlinge zu sein, auf unser Territorium kommen“, so der Regierungschef.

Innenminister fordert strengere Kontrollen der Türken

Innenminister Zwetlin Jowtschew reiste am vergangenen Freitag in die Türkei, um die Krisenlage an der gemeinsamen Grenze zu besprechen und eine strengere Kontrolle seitens der türkischen Behörden zu fordern. „Die rote Signallampe leuchtet, aber wir haben die Lage unter Kontrolle“, bemühte sich der Innenminister um Ruhestiftung. Dafür, dass sich jedoch Bulgarien mit der Lage überfordert fühlt, spricht der für Anfang Oktober angekündigte Expertenbesuch aus der Europäischen Kommission. Gegenüber dem Privatradio Fokus erklärte Jowtschew, die EU-Kommission habe bereits offiziell anerkannt, dass in Bulgarien, Griechenland und auf Zypern eine Ausnahmesituation herrscht. Dies sei die Voraussetzung für die Gewährung finanzieller Hilfe. Finanz- und Expertenhilfe erwarte Bulgarien auch aus anderen internationalen Organisationen, fügte Außenminister Christian Wigenin im Staatsradio hinzu. Ihm zufolge sei nicht ausgeschlossen, dass syrische Flüchtlinge aus Bulgarien in anderen EU-Ländern aufgenommen werden.

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Die Auffangzentren sowohl an der Grenze zur Türkei, als auch im Landesinneren sind bereits restlos überfüllt. Deshalb suchen das Verteidigungs- und das Innenministerium nach neuen Unterkünften für die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien. Verlassene Militäranlagen in Grenznähe zur Türkei sowie in der Hauptstadt Sofia werden zur Zeit renoviert und sollen bald die neu ankommenden Syrer aufnehmen, gab der Leiter des Krisenstabs Wassil Marinow am Montag bekannt.

Kapazität der Auffangzentren weit überschritten

Unterdessen wächst der Unmut unter den Einwohnern der meist kleinen Ortschaften, wo die syrischen Flüchtlinge untergebracht sind. Die Bürgermeisterin von Pastrogor, Wassilka Dimowa, berichtete in einer Fernsehreportage über sich häufende Diebstähle in den Obst-und Gemüsegärten im Dorf. Sie betonte, dass die Kapazität des Auffangzentrums in ihrem Dorf weit überschritten sei und deshalb keine neuen Flüchtlinge aufgenommen werden dürfen. Gegen die schlechte Verpflegung in den Unterbringungszentren protestierten hingegen syrische Familien im Flüchtlingsheim in Sofia, wo letzte Woche eine 58-jährige Frau auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben ist. Die Todesursache ist immer noch unbekannt.

„Die Bulgaren sind generell sehr hilfsbereit und wollen gern spenden, doch die bürokratischen Hürden, die damit verbunden sind, lassen einen resignieren“, klagt Maschd Angafari, der seit vielen Jahren in Bulgarien lebt und als Dolmetscher und freiwilliger Helfer die Flüchtlinge in der Grenzstadt Elhowo unterstützt. Das Bulgarische Rote Kreuz hat inzwischen eine Spendenaktion gestartet, um mobile Küchen für die Flüchtlinge einzurichten und Kleider und Decken zu sammeln. (APA)


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