Prozess im Fall Julia Kührer: Urteil in den Abendstunden erwartet

Finale im Prozess gegen Michael K. in Korneuburg: Kurz vor 15 Uhr zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück.

Der Angeklagte und Verteidiger Farid Rifaat am 10. September 2013 vor Beginn des Mordprozesses im Fall Kührer am Landesgericht Korneuburg.
© APA/HELMUT FOHRINGER

Korneuburg – Im Korneuburger Prozess im Fall der seit 2006 aus Pulkau vermissten und 2011 tot aufgefundenen Julia Kührer hat Staatsanwalt Christian Pawle am Dienstag in seinem mehr als einstündigen Schlussvortrag dargestellt, welche Vielzahl an Beweisen und Gutachten, verbunden mit der Motivlage und einem fehlenden Alibi, aus seiner Sicht für die Schuld des Angeklagten sprechen. „Julia Kührer ist am 27. Juni 2006 ermordet worden“, gab sich Pawle überzeugt.

Sie sei ihrem Mörder unmittelbar nach dem Verlassen des Schulbusses am Heimweg begegnet - die Videothek des Angeklagten lag zwischen Bushaltestelle am Hauptplatz und Wohnhaus, sein Handy war zu diesem Zeitpunkt in Pulkau eingeloggt. Julia war ein gesundes 16-jähriges Mädchen, so Pawle, Michael K. ein hochgradig sexualisiertes Muskelpaket, ein „Mister Pit Bull, einmalig hart und brutal“, wie der „Free-Fighter“ selbst inseriert habe. „Wer, wenn nicht er, soll für Julias Tod verantwortlich sein“, so Pawle abschließend eindringlich.

Version des Beschuldigten „lebensfremd und abwegig“

Ein Faustschlag ins Gesicht sei durch Oberkieferverletzungen - teils ausgeschlagene zwei Schneidezähne - bewiesen. „Dann hat er Kührer am Hals gepackt und zugedrückt. Erwürgen erscheint als die wahrscheinlichste Todesursache“, so der Staatsanwalt.

Die Version des Beschuldigten, jemand Anderer habe ihre Leiche auf seinem versperrten Grundstück abgelegt, sei „lebensfremd und abwegig“. Das Hoftor des von allen Seiten hoch begrenzten Grundstücks sei immer abgesperrt gewesen, es gab zwei scharfe wachsame Hunde. Warum auch sollte sich jemand derart aufwendig, unter Gefahr einer Entdeckung durch den Hausbesitzer, einer Leiche entledigen wollen, dafür in einem fremden Anwesen nach einer Decke und Brandbeschleuniger suchen, sprach Pawle von einer absurden Variante, der auch die Kriminalstatistik widerspreche. Kührer wurde, eingeschlagen in eine blaue Decke, in der Kleidung vom Tag ihres Verschwindens und samt den Sachen, die sie am 27. Juni 2006 mithatte, verbrannt. Ein Fremdtäter hätte nach dem Brand noch einmal wiederkommen müssen, um die Überreste in den hintersten Keller zu schaffen.

TT-ePaper gratis testen und 2 VIP-Tickets für das Electric Love Festival gewinnen

Electric Love Festival

K. habe Julia nicht nur Suchtgift - „Crystal Meth“ - geliefert, sondern auch ein ausgeprägtes Interesse an ihr gehabt, verwies der Staatsanwalt auf entsprechende Zeugenaussagen bezüglich dessen sexistischem Verhalten gegenüber Frauen ebenso wie auf jene von Ex-Freundinnen, die den „Wrestler“ als manipulativ, aggressiv, skrupellos und gewalttätig schilderten. Eine 16-jährige Praktikantin in der Videothek sei ständigen Übergriffen ausgesetzt gewesen. K. habe auch im Internet einschlägiges Interesse gezeigt, erinnerte Pawle an Suchabfragen zu u.a. Sex mit toten Frauen oder „K.o-Tropfen + Vergewaltigung“.

Ausschluss der Mittäter-Theorie

Metamphetamin-Kontakt der Schülerin sei durch gerichtsmedizinische Gutachten erwiesen, ebenso, dass Drogen in leeren DVD-Hüllen verpackt waren. DNA des Angeklagten fand sich auf der blauen Decke, Spurenfasern davon in seiner Wiener Wohnung. Der Leichenspürhund habe im Keller der Videothek „reges Interesse“ gezeigt - für Pawle ein Hinweis, dass K. die Tote dort „zwischengelagert“ hatte, bevor er sie im Pkw nach Dietmannsdorf brachte - in einem Fahrzeug, das trotz internationaler Fahndung nicht mehr gefunden wurde.

Eine Mittäter-Theorie sei auszuschließen, für Pawle sei K. kein Märtyrer, der einen anderen decken würde. Und der Ex-Freund der Schülerin habe für den Nachmittag und Abend ihres Verschwindens ein Alibi. Hingegen habe K. mehrmals gelogen und den Ermittlern anfangs als Zeuge Hinweise auf andere Verdächtige gegeben, um von sich abzulenken. Er habe die Situation kontrolliert und konnte fünf Jahre lang dafür sorgen, dass der verbarrikadierte Keller nicht betreten wurde.

Plädoyer des Verteidigers

Der Verteidiger des im Fall Kührer des Mordes Angeklagten, Farid Rifaat, hat sich in seinem Schlussplädoyer mit der Feststellung an die Geschworenen gewandt, ihre Aufgabe sei viel schwieriger als es auf den ersten Blick scheine. Es gehe nämlich darum, die Aussagen der Zeugen nach ihrem Wahrheitsgehalt zu bewerten, verwies Rifaat auf zahlreiche Ungereimtheiten. Vieles in dem Fall sei Spekulation.

Sicher wisse man einzig und allein, dass Julia Kührer am 27. Juni 2006 um 13.30 Uhr am Hauptplatz in Pulkau den Bus, von der Schule kommend, verlassen hatte. Danach wurde sie von niemandem mehr gesehen. Die Spekulation fange also schon beim von ihr gewählten Heimweg an - die Videothek lag zwischen dem Hauptplatz und dem Wohnhaus -, und setze sich fort. Der nächste Fakt sei dann erst wieder die Auffindung der Leiche am 30. Juni 2011.

Nach Annahme des Staatsanwalts soll sein Mandant die 16-Jährige in der Videothek geschlagen und gewürgt haben - „es gab keinen Schrei, gar nichts“, erinnerte der Anwalt an Zeugen, die nichts gehört hatten. Er ging ausführlich auf unterschiedliche, einander teilweise widersprechende Aussagen ein, insbesondere auf jene der Belastungszeugin, die als einzige dabei gewesen sein wollte, als K. Julia Drogen verkauft hatte. Seltsam sei, dass die nach eigenen Angaben „Vertraute“ Julias in deren engstem Freundeskreis nicht bekannt war. „Pulkau ist nicht Chicago. Ein jeder kennt jeden“, meinte Rifaat. Die Konstruktion des Staatsanwaltes passe in ihrer Logik nicht zusammen.

Außerdem hätte K. 2010 wohl kaum einer freiwilligen Nachschau auf seinem Grundstück zugestimmt, ohne vorher etwas zu unternehmen, wenn er von der deponierten Leiche gewusst hätte. Als Eigentümer hätte er alle Zeit der Welt gehabt, die Überreste vom Anwesen zu bringen.

Die DNA-Spur auf der blauen Decke könnte auch durch einen Hund seines Mandanten übertragen worden sein, meinte Rifaat. Zur nicht feststellbaren Todesursache hielt er fest, dass jede Variante denkbar sei. Ein - vom Staatsanwalt angenommener - Faustschlag wäre noch lange kein vorsätzlicher Mord. Im Zweifel sei der Angeklagte freizusprechen.

Geschworene beraten

Michael K. schloss sich den Worten seines Verteidigers an. Und er betonte: Ich habe keinen Grund gehabt, Julia was anzutun.“ Wenn er gewusst hätte, dass er eine Leiche im Keller hatte, hätte er sich anders verhalten.

Nach diesen Schlussworten wurde der Angeklagte aus dem Saal geführt. Kurz vor 15.00 Uhr zogen sich die Geschworenen zur Urteilsberatung zurück. (APA)


Schlagworte