„Burn-out ist keine Diagnose“

Ein Burn-out befällt nur Deutschsprachige – und die gepriesene Auszeit kann sogar schädlich sein: provokante Thesen von Psychiater Ulrich Hegerl im TT-Gespräch.

Leipzig, Innsbruck –Wer an einem Burn-out leidet, der hat gar keine echte Diagnose – oft aber eine echte Depression: Für Ulrich Hegerl, den Direktor der Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Leipzig, hat das neue Mode-Leiden nicht nur interessante geografische Grenzen, sondern auch eine gefährliche Komponente. Im Anschluss an eine Tagung in Innsbruck erklärt er, warum.

Sie sagen, den Burn-out-Begriff googeln nur Deutsche und Österreicher.

Ulrich Hegerl: Er ist nur auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. In anderen Ländern gibt es gar keine Burn-out-Diskussion. Im Englischen heißt das einfach „erschöpft“. Als Erschöpftheit wäre das nie so in Mode gekommen – aber so entsteht der Eindruck, es wäre eine richtige Erkrankung. Dahinter kann alles Mögliche stecken: Überforderung oder Erschöpfung etwa, doch das ist keine Krankheit. Sehr oft sind aber die Diagnosekriterien für eine Depression erfüllt. Und das ist eine schwere, teils lebensbedrohliche Erkrankung.

Der Begriff ist aber nicht nur ein Nachteil, weil man sich dafür nicht mehr schämt.

Hegerl: Der Vorteil ist, dass manche mit einer schweren Depression sich leichter Hilfe holen, aber auf Dauer wird er das Stigma verstärken: „Das hat ja jeder schon, wo kommen wir da hin!“ Das große Risiko ist, dass bei Leuten mit schwerer Depression die Krankheit unterschätzt und nur als Befind­lich­keitsstörung gewertet wird.

Verwendet das Burn-out aber nicht auch der Arzt lieber, weil ihm der Patient eher bleibt, als wenn er ihm sagt: „Du bist depressiv.“?

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Hegerl: Das ist möglich. Es klingt besser, obwohl der Arzt weiß, dass der Patient eine Depression hat. Es gibt ja auch richtig ein Geschäft mit dem Burn-out, etwa mit Burn-out-Kliniken, die Erholungswert propagieren und nicht ganz so schwere Fälle anziehen. Man kann nur hoffen, dass die dort gut behandelt werden.

Ausschlafen halten Sie aber für kontraproduktiv.

Hegerl: Wenn eine Depression vorliegt – und das ist in der Mehrzahl der Fälle so –, dann verstärkt das lange Schlafen die Depression – obwohl alle Menschen mit Depression sich erschöpft fühlen.

Warum?

Hegerl: In der Depression sind die innere Anspannung und Wachheit sehr hoch. Man ist permanent in einem inneren Alarmzustand und vermeidet alles, was einen noch weiter hochpuscht, wie laute Musik oder soziale Interaktionen. Der Schlaf stärkt aber die wachheitsfördernden Mechanismen. Schlafentzug dagegen ist ein etabliertes Behandlungsverfahren. Bei 60 bis 70 Prozent der Betroffenen führt er zu einer schlagartigen Besserung. Allerdings nur, bis sie wieder schlafen.

Sie warnen Betroffene auch vor Urlaub.

Hegerl: Urlaub ist gut, wenn man eine Erschöpfung hat. Eine Depression aber reist mit und wird oft in der neuen Umgebung ohne festen Tagesrhythmus noch schwerer.

Man sollte besser arbeiten?

Hegerl: Mit einer schweren Depression wird man aufhören müssen. Viele Betroffene haben auch keine Arbeit. Aber manchmal geht das: mit Arbeitgeber und Kollegen z. B. zu vereinbaren, nur ein Drittel des Pensums zu arbeiten.

Sie sagen, dass Teilzeitbeschäftigte öfter an Burn-out leiden als Vollbeschäftigte.

Hegerl: Zahlen der Technikerkrankenkasse zeigen: Psychische Erkrankungen betreffen häufiger Menschen mit Teilzeitarbeit. Es gibt keine Belege dafür, dass hohe Arbeitsbelastung zu mehr Depressionen führt. Frauen entwickeln doppelt so oft Depressionen wie Männer. Es gibt aber keine Hinweise, dass Frauen mit Doppelbelastung besonders betroffen sind. Ein kleines Kind und vielleicht die Mutter zu pflegen, Geldsorgen – da ist man erschöpft, hat aber deswegen noch keine Depression.

Wir müssen also lernen, zu unterscheiden: Was ist nur müde und was ist krank?

Hegerl: Wir müssen unterscheiden: Was ist Erschöpfung und was Depression? Die Versuchung ist groß, gleich eine Kausalität herzustellen. Eine Depression kann aber ohne Ursache auftreten und der Auslöser kann auch positiv sein – wie ein Urlaub oder eine Beförderung. Bei manisch-depressiven Erkrankungen kann es über Nacht zum Umkippen von einer Manie in eine Depression kommen und in der nächsten zurück.

In Leipzig hat kürzlich ein Patientenkongress stattgefunden. Ein Zeichen dafür, dass auch die Depression ihr Stigma verliert?

Hegerl: Da waren 1300 Teilnehmer und Harald Schmidt hat sehr einfühlsam moderiert. Das ist ein Zeichen, dass die Akzeptanz dieser Erkrankung etwas zunimmt.

Nehmen auch die Depressionen zu?

Hegerl: Nein, aber die Patientenzahlen, weil die Betroffenen sich eher zum Arzt trauen bzw. unter richtiger Diagnose behandelt werden. Früher gingen depressiv Erkrankte häufiger mit Ausweichdiagnosen wie Tinnitus oder chronischen Rückenschmerzen in Krankenstand oder Frühpension. Man muss auch sagen, dass Beschwerden wie diese in der Depression oft plötzlich als unerträglich erlebt werden. Wird die Depression behandelt, geht vielleicht der Rückenschmerz auch nicht weg, aber der Patient kann wieder besser damit umgehen.

Das Gespräch führte Elke Ruß


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