„Das Tor zur Hölle“: Nairobi am Tag nach Ende des Geiseldramas

Der Schock in Kenia sitzt tief. Der tagelange Kampf gegen die Islamisten und die Horror-Geschichten der Überlebenden haben Spuren hinterlassen. Aber das ethnisch tief gespaltene Land hat auch Stärke und Solidarität bewiesen. Gibt es jetzt ein „neues Kenia“?

Von Carola Frentzen, dpa

Nairobi – Das Terrordrama in Nairobi ist offiziell beendet - aber für viele Kenianer geht der Albtraum weiter. Fast 80 Stunden lang hatten sie sich von der Hoffnung genährt, dass ihre Ehepartner, Väter, Mütter, Freunde und Bekannte es irgendwie geschafft hätten, im Westgate-Einkaufszentrum der brutalen Gewalt der Angreifer zu entkommen. Solange es keine traurige Gewissheit gab, konnten sie sich an ihrer Zuversicht festklammern. Aber immer mehr kommen leblose Körper in den Leichenhallen an. Andere liegen noch unter den Trümmern des teilweise eingestürzten Gebäudes begraben.

Eine der Betroffenen ist Mercy. Vier Tage lang wartete sie auf Nachrichten von ihrem Mann, der gerade in Westgate zu Mittag aß, als die Islamisten das Feuer eröffneten. Nun bekam sie den schrecklichen Anruf: Seine Leiche wurde im städtischen Leichenhaus identifiziert.

„Als würde man durch das Tor zur Hölle gehen“

Manche haben das Bedürfnis, über das Erlebte zu reden. Andere sind zu geschockt, um zu sprechen. So wie Kalpa Padia, die zwei Stunden nach Beginn des Überfalls gerettet wurde. Ihren Sohn hatte sie im Chaos aus den Augen verloren. Er blieb in Westgate zurück. Erst vier Stunden später wurde auch er lebend aus dem Gebäude gebracht. Die Panik, die grenzenlose Angst um ihr Kind, die kann sie noch nicht in Worte fassen.

Ngugi Mwangi, ein Anwalt, der gerade in einer Bank in Westgate war, als die Attacke losging, fasst den denkwürdigen Samstag so zusammen: „Es war, als würde man durch das Tor zur Hölle gehen.“ Zahlreiche Helfer sind derzeit im Einsatz, um den teilweise völlig verstörten Menschen dabei zu helfen, das Trauma zu überwinden.

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„Wir waren mutig, vereint und stark“

Gleichzeitig hat die grausame Attacke vor allem eins bewirkt: Kenia ist wieder enger zusammengerückt. Das Land war seit Jahren von ethnischen Konflikten geprägt, die vor der Wahl 2007 in einer Gewaltwelle mit mehr als 1200 Toten und Hunderttausenden Vertriebenen gipfelte. Angesichts des islamischen Terrors auf heimischem Territorium scheint es nun plötzlich egal, ob jemand ein Kikuyu, ein Kalenjin oder ein Luo ist: „Ich bin stolz, Kenianer zu sein!“, twitterten Tausende Menschen der verschiedensten Volksgruppen in den vergangenen Tagen.

Präsident Uhuru Kenyatta sprach in einer emotionalen Rede an sein Volk von einem „neuen Kenia“ und fügte hinzu: „Wir wurden schwer verwundet, aber wir waren mutig, vereint und stark.“ Tatsächlich war die Solidarität in allen Landesteilen riesig. Unzählige Menschen meldeten sich zum Blutspenden, andere spendeten Geld, wieder andere waren unermüdlich in sozialen Netzwerken aktiv, um ihr Mitgefühl zu zeigen und ihrer Wut über die grauenvolle Tat Luft zu machen.

Wut ist ein Gefühl, das derzeit viele Betroffene eint. Einerseits ist da die Wut auf den religiös motivierten Extremismus und auf den allgemeinen Zustand der Weltbevölkerung, die solange gleichgültig zuschaut, bis der Terror das eigene Land erreicht. Andererseits ist da eine sehr konkrete Wut auf die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen.

Denn Kenia stand schon lange im Visier der somalischen Al-Shabaab-Miliz, die bereits zahlreiche Anschläge in dem ostafrikanischen Land verübt hat und mit weiteren drohte. „Ja ich bin wütend“, sagt Jasmine, die die Attacke überlebt hat. „Wieso hatten wir keine Sicherheitssysteme, um so ein großes Einkaufszentrum zu schützen?“

(Carola Frentzen arbeitet für die Nachrichtenagentur dpa)


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