Ein Tag mit Stimmen und Geräuschen

Innsbruck – Zu den unverwüstlichen Mythen in der Geschichte des Radios gehört die Ausstrahlung des von Orson Welles inszenierten Hörspiels „...

Innsbruck –Zu den unverwüstlichen Mythen in der Geschichte des Radios gehört die Ausstrahlung des von Orson Welles inszenierten Hörspiels „Krieg der Welten“, das wegen der geschilderten Landung von Außerirdischen in New Jersey am 30. Oktober 1939 eine Massenpanik auslöste. Doch die Reaktion auf das Hörstück war eine Erfindung der Zeitungen, da das kommerziell erfolgreich werdend­e Medium eine Bedrohung darstellte. Die Übertreibung sollte daher vor den Möglichkeiten der akustischen Traumfabrik warnen, die in den Zeiten des Krieges vor allem von den Nazis als Propagandainstrument genutzt wurde. 1987 verwendete Woody Allen das Ereignis für eine gespenstische Episod­e in seinen nostalgietrunkenen „Radio Days“, als für die Flucht aus dem Alltag noch das Spitzen der Ohren genügte.

Es war „die Abwesenheit des Bildes“, die den berühmten französischen Dokumentarfilmer Nicolas Philibert („Sein und Haben“, 2002) bewogen hat, ein halbes Jahr mit seinem Team in den Studios im Funhaus („La Maison de la Radio“) von Radio France zu verbringen, um einen Tag und eine Nacht des öffentlich-rechtlichen Senders zu dokumentieren. Der Tag beginnt mit Wetterbericht und Nachrichten, deren Sprecher anschließend von der Redakteurin über die Bedeutung der Pausen belehrt wird. Radiochor und Orchester proben. Im Hörspielstudio bastelt die Regisseurin an der richtigen Betonung eines Satzes. Der Chefredakteur verlangt nach einem Soziologen, der das Phänomen Justin Bieber erläutern kann, obwohl es Zweifel am Nachrichtenwert gibt. Umberto Eco erzählt von seinem neuen Roman, während nebenan der Drehbuchautor Jean-Claude Carrière ein Umdenken bei der akustischen Wahrnehmung des Mittel­alters verlangt. Im Nachtprogramm führt ein Musiker vor, wie Alltagsgegenstände zu Instrumenten werden, eine Moderatorin offeriert intime Lebenshilfe.

Nur dreimal verlässt Philibert das Radiohaus. Einmal begleitet er den Kommentator der Tour de France, ein anderes Mal sucht er mit einem Tontechniker den Paarungsgesang eines Vogels, und ein Redakteur verschenkt eine Minute Sendezeit, wobei „Schweigen verboten ist“. Das ist die letzte Herausforderung an das Medium Radio, das keine Stille verträgt, weil die Hörer sofort an eine Störung denken und zur Konkurrenz wechseln könnten. (p. a.)


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