Gratwanderung für Bergretter

58 Tote waren in der heurigen Sommersaison in Tirols Bergen zu beklagen. Das liegt etwas unter dem Vorjahr. Trotzdem sind die Bergretter mittlerweile teilweise am Limit.

Von Marco Witting

Innsbruck –Neue Reifen für das Einsatzfahrzeug? Das sei teilweise schon eine Herausforderung für die ehrenamtlichen Einsatzkräfte der Bergrettungsortsstellen. „Solche Probleme gibt es bei der Feuerwehr oder der Rettung nicht“, sagte der Geschäftsführer der Bergrettung Tirol, Peter Veider, und sprach über eine weitere Gratwanderung, die viele der rund 4000 Bergretter des Landes leisten müssen: „Wir haben einzelne Ortsstellen, die heuer schon 70 Einsätze hatten. Das ist ein Bereich, wo wir Probleme kriegen“, denn die Freiwilligen würden so ständig von der Arbeit weggeholt.

Alpine Unfälle

Stolpern: Die Anzahl der Unfälle hat im Vergleich zum Vorjahr leicht zugenommen und ist von 2461 auf 2556 gestiegen, sagte der Chef der Alpinpolizei Tirol Norbert Zobel. Eine bestimmte Unfallhäufung sei nicht zu erkennen. „Die meisten Unfälle passieren durch Stolpern oder Ausrutschen beim Wandern und auf eher leichteren Wegen, weil da die Konzentration nachlässt“, meinte Zobl.

Österreichweit starben 135 Menschen, in Tirol waren es 58. Im Vorjahr waren es noch 156 bzw. 61 Menschen gewesen. „Die subjektive Wahrnehmung, dass heuer besonders viel passiert sei, bestätigen die Zahlen insofern nicht“, erklärte Zobel.

Herkunft: Zwei Drittel der Todesopfer kommen aus Österreich, fast ein Drittel kommt aus Deutschland. Einzige Auffälligkeit war eine untypische Häufung von Todesfällen beim seilfreien Klettern. Allerdings seien diese Fälle nicht immer auf Leichtsinn zurückzuführen.

Gefährlich ist vor allem das Bergwandern. Hier starben österreichweit 53 Menschen. 17 Todesopfer waren beim Klettern zu beklagen. Drei Tote gab es beim Canyoning und bei Hochtouren. Zwei Menschen starben beim Mountainbiken.

Deshalb forderte Veider gestern bei der Präsentation der Unfallzahlen für die heurige Sommersaison nicht zum ersten Mal eine finanzielle Unterstützung der Gemeinden und Tourismusverbände ein. Die Bergretter seien hochmotiviert. „Man sollte das aber nicht überbeanspruchen.“ Wie diese Zuwendung aussehen soll, wollte Veider nicht sagen. Eine Art Tourismusabgabe sei möglich. Aber auch andere Lösungen. Klar sei: „Wir merken Jahr für Jahr, dass die Vollkaskomentalität vieler Bergsteiger zunimmt. Als letzter Ausweg gibt es immer noch das Handy und die Bergrettung, die mich vom Berg holt.“ Das spiegelt sich auch in den Einsatzzahlen wider. 2012 mussten die Helfer um 26 Prozent öfter ausrücken als im Jahr zuvor.

Unter diesen Alpinisten seien viele Einheimische. Mehr jedoch aber ausländische Wanderer, weshalb Veider die Tourismuswirtschaft kritisiert: „Die alpinen Gefahren haben in der Werbung halt keinen Platz.“ Man müsse darauf aber vermehrt hinweisen.

Karl Gabl, Präsident des Kuratoriums für Alpine Sicherheit, nimmt Tourismus und auch die Versicherungen in die Pflicht: „Ein Gast, der sicher wieder nach Hause fährt, kommt wieder.“ Die Einsatzkräfte seien keine „Bittsteller oder Subventionsempfänger“, sondern Leistungsträger für die Sicherheit.

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Lob gibt es von der Bergrettung für das Land Tirol, das mit seiner Unterstützung einen Teil des Drei-Millionen-Budgets sichert. Der zuständige LHStv. Josef Geisler verwies diesbezüglich gegenüber der TT auch auf eine „langfristige Vereinbarung, damit Anschaffungen und Vorbereitungen“ kalkulierbar bleiben.

Verständnis erntet der Vorstoß für mehr Geld auch bei der Tirol Werbung (TW), speziell weil der Andrang am Berg immer größer werde. Aber: „Das ist als eine politische Forderung zu verstehen, die damit auch auf einer anderen Ebene entschieden werden muss.“ Zudem kooperiere die TW in Sicherheitsfragen mit unterschiedlichsten Stellen und habe unter anderem das Sicherheitscamp und die Notfall-App unterstützt.

Bleibt den Bergrettern erneut nur der Gang zu Gemeinden und Tourismusverbänden. Und hier gibt es laut Veider große regionale Unterschiede. „Es fehlt generell ein Gesamtkonzept. Es werden immer mehr Urlauber hergekarrt. Aber keiner überlegt, wie die Bergrettung auf die Reihe gebracht wird.“

Wie viele Millionen Wanderer in Österreich und Tirol unterwegs sind, das ist für die Experten nur schwer zu schätzen. Vielleicht zwölf, vielleicht 15 Millionen. Die Unfallzahlen selbst blieben in der heurigen Sommersaison relativ konstant. 58 Tote waren von 1. Mai bis jetzt in Tirol zu beklagen. Österreichweit waren es insgesamt 135 tödliche Unglücke.

Die Hälfte der im alpinen Raum verunfallten Menschen war übrigens in Tirol für die Einsatzkräfte zu versorgen. Mit 1079 Verletzten liegt man knapp über dem Vergleichszeitraum des Vorjahres.


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