Auf der Suche nach der verlorenen Würde

Armin Thurnher porträtiert in seinem schonungslos-brillanten Essay Österreich als ein Land zwischen Niedertracht und Kleinmannssucht.

Von Michael Sprenger

Wien –Würde verlegt man nicht wie seinen Autoschlüssel. Der Verlust der Würde ist kein Ungeschick, sondern Programm. Ein Programm der Selbstaufgabe, ein Programm der Missachtung von Wertschätzung. Der nun zu Ende gehende Wahlkampf zeigte eindrucksvoll, wie die politischen Würdenträger dieser Republik diese Programmatik der Würdelosigkeit längst verinnerlicht haben.

Politik braucht Inszenierung. Doch hierzulande verkommt sie zur inhaltsleeren Aneinanderreihung von Bösartigkeiten und Unterstellungen, besteht Politik in der Verächtlichmachung des Anderen. Was aber durchaus Teil einer gut inszenierten Politik sein sollt­e, wäre das Ringen um Überzeugung, ein Wettbewerb der Argumente. Daraus könnte jene leidenschaftliche Debattenkultur entstehen, die es in Österreich nicht gibt. Doch wenn eine Debattenkultur fehlt, entsteht der Nährboden für Populismus und Opportunismus. In Österreich konnte beides gut gedeihen.

In seinem neuen Buch spürt Armin Thurnher dem Verlust der Würde nach. Sein Essay wurde zur sprachlich brillanten Vermessung der „Republik ohne Würde“.

Armin Thurnher, Herausgeber und Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung Falte­r, ist das, was Alex Demirovic einen „nonkonformistischen Intellektuellen“ nennt. Ausgestattet mit einer in der österreichischen Medienlandschaft selten gewordenen Eigenständigkeit und Unabhängigkeit wurde Thurnher zum scharfzüngigen Analytiker österreichischer Zustände. Er ist einer, der sich der klaren Stellungnahme nicht verweigert, ohne dabei je Schaum vor dem Mund zu haben.

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In der „Republik ohne Würd­e“ arbeitet sich Thurnher lustvoll-resignativ an der herrschenden Niedertracht ab. „Wer in Österreich offen argumentiert, gilt als dumm. (...) Blöd ist, wer sich festlegt“, schreibt Thurnher. In einem dem ersten Anschein nach zu umfangreich geratenen philosophischen Proseminarbeit über den Begriff der Würde, über den „hohen Wert ohne Preis“, versteht es Thurnher, mit seinem eingearbeiteten Tagebuch ein kurzweiliges Buch der Ernüchterung zu schreiben. Dosiert mit Anekdoten und ausgestattet mit Selbstironie (wie bei der grandios erzählten Episode, wie sich die Republik darauf verständigte, dass Thurnher dann doch nicht Professor werden sollte) schärft Thurnher über Seiten hinweg den Blick auf das verlotterte Treiben.

Thurnher wählt dabei nicht den einfachen und billigen Weg, sich in seiner Analyse an den korrupten blau-schwarz-orangen Regierungsjahren abzuarbeiten, dies erledigt­e er schon zuhauf in seinen wöchentlichen Kommentaren. Vielmehr zeigt er in seinem Essay auf, wie weit sich die Würdelosigkeit schon in den Niederungen des Alltags eingenistet hat, um dort als Kleinmannssucht zu verkommen. „Mach mich größer, sagt die Kleinmannssucht. Sie ist die wahre Großmannssucht. (...) Political Correctness funktioniert übrigens nach ähnlichen Motiven. Je kleiner, desto korrekter.“

Thurnhers Buch ist angesichts des entlarvenden Wahlkampfes, der den Keim des Kommenden schon in sich trägt, ein wichtiger Begleiter unserer Herbstdepression Mit diesem Buch sind wir dabei wenigstens nicht alleine.


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