„Täter spielt Katz und Maus“

Innsbruck – Larissa wurde vermutlich von ihrem Freund erdrosselt. Tagelang hat es laut Polizei keine Hinweise darauf gegeben, dass dieser et...

Innsbruck –Larissa wurde vermutlich von ihrem Freund erdrosselt. Tagelang hat es laut Polizei keine Hinweise darauf gegeben, dass dieser etwas mit dem Verschwinden zu tun haben könnte. Der 24-Jährige galt bis dato als komplett unauffällig. Für den international gefragten Fallanalytiker Thomas Müller nichts Untypisches.

Es scheint oft so zu sein, dass mutmaßliche Mörder bis zur Tat nach außen hin unauffällig sind. Äußerlich angepasst, innerlich verunsichert – ist das typisch?

Thomas Müller: Menschen, die außergewöhnliche Verbrechen begehen, haben kein Kainsmal auf der Stirn, auf dem geschrieben steht: Ich habe getötet. Menschen töten am häufigsten, weil ihnen die Selbstsicherheit und/oder das Selbstwertgefühl tatsächlich oder auch nur eingebildet abhandengekommen ist. Und das kann jedem von uns passieren. Daher erkennen Sie keinen Mörder von außen, sie sehen nämlich so aus wie Sie oder ich.

Inwieweit hat es Gültigkeit, wenn man sagt, dass Mörder oft Psychopathen sind, denen es an Empathie fehlt?

Müller: Das stimmt nicht und hängt auch sehr vom darunterliegenden Motiv ab. Statistisch am häufigsten sind die Beziehungsdelikte oder Personal Cause Homicides. Sie sind etwa so definiert, dass eine darunterliegende Aggression den A dazu treibt, den B zu töten. Diese unterlegte Aggression kann ein paar Stunden alt sein oder eben auch Jahre. Der Streit in der Beziehung, der scheinbar eskaliert und in der ungeplanten Tat endet, gehört genauso dazu wie die malträtierte Ehefrau, die nach 25 Jahren Ehemartyrium sagt: „Heute werden Pilze gekocht.“

Stimmt es, dass fast alle Tötungen eines Partners Affekttaten sind und damit nicht geplant?

Müller: Wir bezeichnen in der Kriminalpsychologie diese Taten als Domestic Homicides, also häusliche Morde, und dabei gibt es zwei Unterklassifizierungen. Die spontane Form, die meist ohne Planung durchgeführt wird, oder die inszenierte Form, wo die Täterschaft die Tat noch als Unfall tarnt oder mit einem anderen Motiv versieht, um vom logischen Täter abzulenken. Die Durchführung der Tat bzw. die Einzelentscheidungen geben uns in der Regel Aufschluss über Dauer und Intensität der Beziehung, die eigentliche Motivation und die Intelligenz des Täters. Wir können dies aus dem oder den Tatorten ableiten.

Kommt es oft vor, dass sich ein Mörder offensichtlich kooperativ zeigt und bei der Suche mithilft, wie es hier der Fall war?

Müller: Ja. Dieses Verhalten ist gar nicht so selten und zeigt den scheinbaren Überlegenheitscharakter des Täters. Er versucht ein Katz-und-Maus-Spiel, fühlt sich sicher und leitet manchmal sogar die Ermittlungen aus seiner Sicht – bis ihm ein Fehler passiert, der in der Regel dann passiert, wenn sein Ego zu groß wird und die Wahrheit seiner Persönlichkeit die Einbildung einholt.

Das Interview führte Liane Pircher


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