Dramatischer Temperaturanstieg: Meeresspiegel steigen schneller

Der UN-Klimabericht geht von einer weiteren Erwärmung des Klimas mit dramatischen Auswirkungen auf das Wetter, Meeresspiegel und die Arktis aus. Die Schuld für den Anstieg sieht der Klimarat am Einfluss des Menschen.

Die Arktis hat sich in den letzten 50 Jahren doppelt so stark erwärmt, wie im globalen Mittel.
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Stockholm/Wien - Der Weltklimarat IPCC hat seine Warnungen vor einer gefährlichen Erderwärmung nochmals verschärft: Es drohe ein um gut ein Drittel höherer Anstieg der Meeresspiegel als bisher vorhergesagt, heißt es in einem neuen Bericht, der am Freitag in Stockholm verabschiedet wurde. Außerdem sei zu befürchten, dass die Weltgemeinschaft bei der Begrenzung des Temperaturanstiegs ihr Zwei-Grad-Ziel verfehlen wird.

Weiterer Temperaturanstieg mit dramatischen Folgen

Die Meeresspiegel könnten bis zum Jahr 2100 je nach Szenario um 26 bis 82 Zentimeter zu steigen, warnt der IPCC im ersten Teil seines fünften Sachstandsberichts. In seinem vorherigen Rapport von 2007 hatte der IPCC noch Anstiege zwischen von 18 bis 59 Zentimetern vorhergesagt. Durch den höheren Meeresspiegel könnten Inseln und Küstengebiete dauerhaft überflutet werden.

Zur Erderwärmung bis zum Ende dieses Jahrhunderts stellte der IPCC vier Szenarien vor. Das optimistischste Szenario umfasst eine Spanne zwischen 0,3 und 1,7 Grad Celsius, im mathematischen Mittel also 1,0 Grad. Das schlimmste Szenario kommt dagegen auf einen Temperaturanstieg zwischen 2,6 und 4,8 Grad, im Mittel also 3,7 Grad. Bei all diesen Werten muss noch berücksichtigt werden, dass die Durchschnittstemperatur im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter bereits um etwa 0,8 Grad angestiegen ist.

Bei einem Temperaturanstieg um mehr als zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter fürchten Wissenschafter kaum beherrschbare Umweltfolgen. So würde etwa das Risiko für Dürren und Stürme steigen. In den Beratungen über ein neues weltweites Klimaschutzabkommen, das bis 2015 stehen soll, hatte sich die internationale Gemeinschaft daher grundsätzlich auf das Zwei-Grad-Ziel verständigt.

Hier finden Sie den gesamten Klimabericht: http://bit.ly/18uhd7n

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte in einer Videobotschaft, der neue „unparteiische“ Bericht des IPCC sei eine wesentliche Grundlage für ein neues ehrgeiziges Klimaschutzabkommen. Der Co-Vorsitzende der Arbeitsgruppe I des IPCC, Thomas Stocker, mahnte in Stockholm: „Eine Begrenzung des Klimawandels erfordert eine substantielle und anhaltende Verringerung der Treibhausgasemissionen.“

Mensch trägt Hauptverantwortung für Erderwärmung

Dass der Mensch die Hauptverantwortung für die Erderwärmung trägt, hält der IPCC für praktisch gesichert. Hatte das UN-Gremium die Wahrscheinlichkeit im vierten Sachstandsbericht noch mit 90 Prozent angegeben, bezeichnete er die These nun als „extrem wahrscheinlich“ - ein Begriff, der eine Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent umschreibt.

Die großen Umweltschutzorganisationen haben mit Appellen zum raschen Handeln auf die Präsentation des Weltklimaberichts reagiert. Greenpeace, Global 2000 und der WWF forderten die Regierungen dazu auf, die Warnungen der internationalen Wissenschafter ernst zu nehmen. „Der wissenschaftliche Konsens ist so groß wie nie. Heute leugnet kaum noch jemand, dass der Klimawandel zum überwiegenden Teil von Menschen verursacht wird“, so Julia Kerschbaumsteiner, Klimasprecherin von Greenpeace.

Die 36-seitige Zusammenfassung des ersten Berichtsteils hatten die 195 Mitgliedsstaaten des IPCC seit Montag Wort für Wort verabschiedet. Der komplette Text des Berichtsteils soll am Montag kommender Woche auf der IPCC-Webseite freigeschaltet werden. Das mehrere hundert Seiten umfassende Dokument beschäftigt sich mit den klimatischen Veränderungen und deren Ursachen. Im März und April folgen die beiden Berichtsteile zu den Auswirkungen des Klimawandels und Anpassungsstrategien sowie zu den Möglichkeiten einer Abmilderung des Klimawandels. Die Zusammenfassung aller Ergebnisse erscheint Ende Oktober 2014.

Der IPCC war 1988 gegründet worden, um die politischen Entscheidungsträger in aller Welt möglichst umfassend und objektiv über den Stand der Klimaforschung zu informieren. Das Gremium forscht nicht selbst, sondern trägt die Ergebnisse in seinen Sachstandsberichten zusammen. Am neuen Bericht haben 830 Hauptautoren in aller Welt mitgearbeitet.

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Wissenschafter: Klimabericht „noch nicht perfekt“

An dem ersten Teil des neuen Weltklimareports haben 259 Hauptautoren aus 39 Ländern vier Jahre lang gearbeitet. Nun steht der Stand der Forschung auf rund 2000 Seiten. Und so ist der erste Teil des Reports entstanden:

Zunächst erstellten die von Regierungen und Organisationen vorgeschlagenen Klimaexperten einen Entwurf, ließen ihn überprüfen und erhielten über 21.000 Kommentare - auch von Klimaskeptikern. Der daraufhin verfasste zweite Entwurf bekam mehr als 31.000 Kommentare. Das Prüfverfahren war verschärft worden, nachdem im vergangenen IPCC-Bericht zwei inhaltliche Fehler standen. Das dritte Papier fassten die Forscher auf etwa 30 Seiten zusammen, die dann nochmals 1855 Mal kommentiert wurden. Diese letzte Fassung gingen schließlich die Regierungsvertreter und Forscher vier Tage lang in Stockholm Wort für Wort durch.

„Das ist die am besten begutachtete wissenschaftliche Arbeit in diesem Bereich“ sagte Prof. Peter Lemke vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven, der für das Kapitel „Beobachtungen in der Kryosphäre“ (Eisschmelze) im Report kontrolliert hat, ob alle wichtigen Kommentare berücksichtigt wurden. „Die Klimamodelle sind noch nicht perfekt, aber so gut, dass sie sicherlich ausreichen für die dringende Aufforderung, etwas gegen den Klimawandel zu tun.

Umweltschutzorganisation appellieren an Regierungen

Die großen Umweltschutzorganisationen haben mit Appellen zum raschen Handeln auf die Präsentation des Weltklimaberichts reagiert. Greenpeace, Global 2000 und der WWF forderten die Regierungen dazu auf, die Warnungen der internationalen Wissenschafter ernst zu nehmen. „Der wissenschaftliche Konsens ist so groß wie nie. Heute leugnet kaum noch jemand, dass der Klimawandel zum überwiegenden Teil von Menschen verursacht wird“, so Julia Kerschbaumsteiner, Klimasprecherin von Greenpeace.

Die Forscher haben Greenpeace zufolge eindeutiger als je zuvor bestätigt, dass unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern die Atmosphäre und die Ozeane erwärmt, Gletscher zum Schmelzen bringt, den Meeresspiegel erhöht, das Ausmaß gewisser extremer Wettersituationen verstärkt und Elend höchsten Ausmaßes bei vielen der ärmsten Menschen der Welt verursacht. Noch sei jedoch genug Zeit vorhanden, den Klimawandel zu bekämpfen und mögliche katastrophale Auswirkungen zu verhindern.

Die Umweltschutzorganisation Global 2000 sah den Bericht als Weckruf für die ganze Menschheit: „Alle müssen jetzt zusammenarbeiten, damit wir nicht in die schlimmste Krise seit Beginn der menschlichen Zivilisation stürzen“, appellierte Klimasprecher Johannes Wahlmüller. „Bis jetzt war Klimawandel im Wahlkampf trotz Jahrhunderthochwasser und Dürre kaum ein Thema, die zukünftige Regierung muss sich dem Problem aber dringend stellen.“

WWF: „Sturmwarnung für alle Regierungen“

Nun sei „eindeutig klar, dass der Mensch verantwortlich für den Klimawandel ist – das steht mit 95-prozentiger Sicherheit fest“. Wahlmüller: „Dazu droht, dass die Schwelle zu unkontrollierbarem Klimawandel überschritten wird, ab der sich die Menschheit nicht mehr an die Folgen anpassen kann. Extremwetterereignisse, Überschwemmungen und Dürren würden dann Millionen Menschen zu Flüchtlingen machen. Hungersnöte und Wasserknappheit Konflikte anheizen, ganze Staaten und Küstenmetropolen dem Meeresspiegelanstieg zum Opfer fallen.

Der WWF sprach von einer „Sturmwarnung für alle Regierungen, ihren eigenen Report ernst zu nehmen und alle klimaschädlichen Emissionen drastisch zu reduzieren“. „Wir müssen eine Zukunft zwischen Sintflut und Wüste vermeiden“, so WWF-Geschäftsführerin Andrea Johanides. „Diejenigen, die heute noch auf Kohle und fossile Energieträger setzen, sind verantwortlich für den von Menschen gemachten Klimawandel und dessen schreckliche Folgen für die Natur und die Menschen“, meinte sie. Das Zeitfenster, in dem sich die größten Katastrophen für Menschen und die Artenvielfalt noch verhindern lassen, werde immer kleiner. „Die Politik hat alle Instrumente dazu in der Hand, auch die notwendigen Technologien sind bereits auf dem Markt“, so Johanides.

EU-Kommissarin: Europa wird Kampf weiter anführen

Die Europäische Union wird nach Worten der zuständigen EU-Kommissarin Connie Hedegaard „weiterhin den Kampf gegen den Klimawandel anführen“. Hedegaard stellte am Freitag in einer Reaktion auf den UN-Klimabericht, der von einer weiteren Erwärmung des Klimas mit dramatischen Auswirkungen ausgeht, die Frage: „Was würden Sie machen, wenn ihr Arzt zu 95 Prozent sicher ist, dass Sie eine ernsthafte Krankheit haben?“

„Die Frage ist nicht, ob man an den Klimawandel glaubt oder nicht. Die Frage ist, ob man der Wissenschaft folgt oder nicht“, sagte Hedegaard. In Europa seien dazu schon ehrgeizige Gesetze zur Emissionsreduktion, Erneuerbaren und Energiesparen in Kraft. Die EU-Kommission werde vor Jahresende Klima- und Energieziele für 2030 vorlegen. „Europa wird weiter mehr Handeln von allen Emittenten verlangen.“ (APA/AFP/dpa/tt.com)


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