„Große Koalition muss zittern“: So sieht Europa die Österreich-Wahl

Das Schicksal von Rot-Schwarz steht international im Fokus der Vorberichterstattung zur morgigen Nationalratswahl. Vor allem im englischsprachigen Raum ist auch Frank Stronach ein großes Thema.

6,3 Millionen Österreicher sind am Sonntag dazu aufgerufen, ihre Stimmen abzugeben. Die letzten Wahllokale schließen um 17 Uhr.
© TT/Andreas Rottensteiner / TT

Wien - Die ungewisse Zukunft der Großen Koalition steht auch im Mittelpunkt der Vorberichterstattung internationaler Medien zur Nationalratswahl in Österreich. „Reicht es noch einmal für eine große Koalition? Das ist die entscheidende Frage, die Österreichs Wählerinnen und Wähler am kommenden Sonntag beantworten werden“, schreibt etwa die „Neue Zürcher Zeitung“. Die deutsche Nachrichtenagentur dpa spricht ebenfalls von einer Zitterpartie für die Regierung von SPÖ und ÖVP. Zudem merkt die Agentur an, dass die Zahl der Unentschlossenen bei hohen 15 bis 25 Prozent liege.

„Große Koalition vor dem Ende?“ fragt auch das Düsseldorfer „Handelsblatt“, das mit Blick auf den Ausgang der deutschen Bundestagswahl am vergangenen Sonntag schreibt: „Auch in Österreich könnte bereits am kommenden Montag das ‚heitere Koalitionsraten‘ einsetzen.“ Der Berliner „Tagesspiegel“ schreibt, dass der Wahlkampf in Österreich „ähnlich ermüdend“ gewesen sei wie jener in Deutschland. „Einzig der Milliardär Frank Stronach sorgte mit seinen skurrilen Auftritten für den großen Unterhaltungsfaktor.“

„Merkwürdiger Wahlkampf“

Parallelen zur deutschen Wahl sucht auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Sie weist darauf hin, dass sowohl Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) als auch Vizekanzler Michael Spindelegger (ÖVP) sich als „Merkel-Fans“ präsentierten, um am Erfolg der deutschen Kanzlerin mitzunaschen. Die Zeitung spricht von einem „merkwürdigen Wahlkampf“, den Faymann und Spindelegger „gegeneinander führen müssen“. Beide wollten nämlich die Große Koalition fortsetzen.

Einzig der Milliardär Frank Stronach sorgte mit seinen skurrilen Auftritten für den großen Unterhaltungsfaktor.
Berliner „tagesspiegel“

„Eine Große Koalition ist eine und bleibt eine“, titelt die Berliner „tageszeitung“. Sie zeigt sich verblüfft, dass SPÖ und ÖVP im Wahlkampf kaum die guten Wirtschaftsdaten des Landes erwähnten. Stattdessen hätten Faymann und Spindelegger einander im TV-Duell einen „Schaukampf“ geliefert. „Von der Erbschaftssteuer über einen Mindestlohn bis hin zur Ganztagsschule - über keine Frage gab es Einigkeit. Es fehlte nur noch, dass sie einander das Du entzogen hätten.“

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Englischer Sprachraum stürzt sich auf Stronach

Im englischen Sprachraum mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt wird die Performance des Austrokanadiers Frank Stronach. „Alle Augen sind auf Frank Stronach gerichtet“, schreibt die „Irish Times“, die in ihm eine „offenherzige Alternative“ (frank alternative) zur österreichischen Politik erkennt. Der US-Sender „Fox News“ übernimmt eine englischsprachige AFP-Meldung über den „Kanadier“ Stronach, der als „verlorener Sohn“ zurückgekehrt sei, „um Österreich zu retten“.

Die US-Agentur „Bloomberg“ schreibt, dass die Österreicher trotz der guten Konjunktur- und Arbeitsmarktdaten „frustriert“ mit dem politischen Status Quo im Lande seien und daher „Protestparteien eines Milliardärs und eines Baumagnaten“ (Stronach und Neos-Mäzen Hans-Peter Haselsteiner, Anm.) unterstützen würden.

Korruptionsthema „überraschend“

Der französische Rundfunksender „Radio France International“ hebt hervor, dass im Wahlkampf auch das Korruptionsthema eine große Rolle spielte. Dies sei „überraschend für Menschen, die mit Österreich nicht so vertraut sind“. Die spanische Nachrichtenagentur EFE stellt indes den beiden Kanzlerkandidaten kein besonders gutes Zeugnis aus. Faymann „mangelt es an politischen Visionen“, Spindelegger wiederum „fehlt es an Charisma“.

In den Medien des mittelosteuropäischen Raums dominiert indes die Koalitionsfrage. „Stürzen die Rechtsparteien die Große Koalition aus Volkspartei und Sozialdemokraten?“ fragt etwa das Zagreber Blatt „Vecernji list“. Die Laibacher Zeitung „Dnevnik“ schreibt, dass ein Ende der rot-schwarzen Mehrheit ein „Umbruch“ für das politische System Österreichs wäre. Schließlich hätten SPÖ und ÖVP 68 Jahre lang die politische Richtung des Landes bestimmt. Die slowakische Zeitung „Pravda“ rechnet nicht mit einem Umbruch. „Die rot-schwarze Regierung in Österreich wird wohl nicht übermalt“, schreibt die Zeitung. Zwar „knirscht es oft“ zwischen SPÖ und ÖVP, doch gebe es für beide Parteien „faktisch keine andere Möglichkeit, als ihre Zusammenarbeit fortzusetzen“.

Auch die norwegische Nachrichtenagentur NTB glaubt daran, dass die Regierung aus Rot und Schwarz weitermachen kann. Sie erwähnt die Kritik von WKÖ-Präsident Christoph Leitl am Wirtschaftsstandort und schreibt, dass der „österreichische Wähler nicht so sonderlich besorgt zu sein“ scheint. Daher „wird erwartet, dass Faymanns zentrumsorientierte und pro-europäische Koalition aus Sozialdemokraten und Konservativen erneut das Vertrauen erhält“. (tt.com, APA)

In unserem Nationalratswahl-Blog lesen Sie alle aktuellen Entwicklungen vor dem Urnengang: http://go.tt.com/1axXTYa


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