Vor dem Anschlag von Nairobi gab es deutliche Warnungen

Mehrere Ministerien ignorierten offenbar Hinweise aus Israel und von „anderen ausländischen Partnern“, die die Gefahr eines Anschlags im September aufzeigten.

Nairobi - Vor dem Islamisten-Angriff auf ein Einkaufszentrum in Nairobi sind kenianische Regierungsstellen offenbar mehrfach vor einer erhöhten Anschlagsgefahr gewarnt worden. Konkrete Warnungen Israels und anderer Länder seien zwar an mehrere Ministerien weitergeleitet worden, hätten aber keine Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen zur Folge gehabt, bestätigten Sicherheitskreise der Nachrichtenagentur AFP am Samstag entsprechende Zeitungsberichte. Das Parlament bestellte wegen der Vorwürfe den Geheimdienstchef ein.

Warnung aus Israel

Ein Bericht des kenianischen Geheimdienstes NIS über Warnungen vor einem großen Anschlag im September sei an mehrere Ministerien und die Chefs der Sicherheitskräfte weitergeleitet worden, hieß es aus Sicherheitskreisen. Unter anderem habe Israel vor „möglichen Angriffen gegen seine Interessen“ gewarnt.

Die Zeitungen „The Nation“, „Standard“ und „Star“ druckten Auszüge aus einem NIS-Bericht, in dem unter Verweis auf Warnungen aus Israel und von „anderen ausländischen Partnern“ die Gefahr eines Anschlags im September aufgezeigt wurde. Laut „Nation“ bezogen sich die Warnhinweise auch auf das Einkaufszentrum Westgate, das zum Teil in israelischem Besitz ist.

Ein Mitarbeiter des kenianischen Geheimdienstes, der anonym bleiben wollte, bestätigte die Presseberichte im Wesentlichen. „Niemand kann sagen, dass wir nicht vor der Gefahr eines Anschlags gewarnt worden seien“, sagte er AFP. Die Hinweise seien aber lediglich „von einem Büro ins andere“ weitergetragen worden. Ein anderer ranghoher Sicherheitsbeamter sagte, bereits seit Ende 2012 habe es in NIS-Berichten „Warnungen für konkrete Objekte, darunter das Westgate“ gegeben.

Zu den Ministerien, die auf dem Laufenden waren, zählten nach Informationen von „Nation“ das Finanz-, Innen-, Außen- und Verteidigungsministerium. Die israelische Botschaft in Nairobi habe auf eine mögliche Bedrohung durch Hisbollah-Kämpfer hingewiesen. Das kenianische Parlament wollte NIS-Chef Michael Gichangi am Montag in einer Anhörung zu den Vorwürfen befragen.

Szene in Deutschland

Mehrere Angreifer hatten das Gebäude vor einer Woche überfallen, das Feuer auf die Anwesenden eröffnet und sich mit mehreren Geiseln tagelang verschanzt. Am Dienstagabend wurde das Geiseldrama beendet. Bei dem Angriff, zu dem sich die islamistische Al-Shabaab-Miliz aus dem benachbarten Somalia bekannte, wurden mindestens 61 Zivilisten, sechs Sicherheitskräfte sowie fünf Angreifer getötet und 240 weitere Menschen verletzt. Das Außenministerium in London setzte die Zahl der getöteten Briten am Samstag von fünf auf sechs herauf.

Am Wochenende wurden noch etwa 60 Menschen im Zusammenhang mit dem Geiseldrama vermisst. Verwirrung herrschte umso mehr, als der kenianische Innenminister Joseph Ole Lenku seit Mittwoch wiederholt angab, an Ort und Stelle seien nur noch wenige Leichen. Während der Belagerung des Einkaufszentrums war ein Teil des Daches eingestürzt.

Nach Angaben des Chefs des deutschen Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, stehen Anhänger der Shabaab-Miliz auch in Deutschland unter Beobachtung. „Wir schauen uns die somalisch-extremistische Szene in Deutschland ganz genau an“, sagte Maaßen dem Magazin „Focus“ laut Vorausbericht vom Samstag. Deutsche Shabaab-Unterstützer sind demnach vor allem in München, im Raum Augsburg und im Gebiet Köln/Bonn aktiv.

Der „Spiegel“ berichtete am Sonntag im Voraus, Bundespolizei-Präsident Dieter Romann habe am Freitag zwei Terrorspezialisten nach Nairobi geschickt, die aus dem dortigen Geiseldrama Lehren für vergleichbare künftige Angriffe ziehen sollten. (APA/AFP)


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