Taucher bargen weitere Leichen aus Unglücksboot vor Lampedusa

Am Dienstag wurden 18 Tote an Land gebracht. Auf der italienischen Insel protestierten Flüchtlinge gegen ihre Unterbringung im Auffanglager.

Lampedusa – Vor der Küste der Insel Lampedusa haben Taucher am Dienstag die Bergung weiterer Leichen aus dem am Donnerstag gesunkenen Flüchtlingsboot fortgesetzt. Ein mutmaßlicher Schlepper wurde inhaftiert. Flüchtlinge protestierten unterdessen gegen ihre Unterbringung in einem Auffanglager.

Die Demonstrierenden warfen am Dienstag Matratzen aus Gebäuden und versuchten, Busse mit Neuankömmlingen auf dem Weg ins das überfüllte Lager auf Lampedusa aufzuhalten. Das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR teilte mit, die Lebensbedingungen in der Einrichtung seien „vollkommen inakzeptabel“. Nach einem Brand im Herbst 2011 ist das Auffanglager nur noch auf 250 Menschen ausgelegt, zuletzt waren aber mehr als 1000 Insassen dort untergebracht.

Mutmaßlicher Schlepper in Haft

Nach der Flüchtlingstragödie hat die im Fall ermittelnden Staatsanwaltschaft der sizilianischen Stadt Agrigent einen mutmaßlichen Schlepper in Haft genommen. Dabei handelt es sich um einen 35-jährigen Tunesier aus Sfax, der bereits vergangene Woche vorübergehend festgenommen worden war. Ihm wird fahrlässige Tötung sowie Begünstigung der illegalen Einwanderung vorgeworfen.

Bisher hatte sich der Verdächtige noch im Flüchtlingslager auf Lampedusa befunden. Von den Migranten wurde er an Bord des Schiffes „der Weiße“ genannt, weil er die einzige nicht dunkelhäutige Person im später gesunkenen Boot mit Flüchtlingen aus Eritrea und Somalia war. Der Tunesier beteuert seine Schuldlosigkeit.

Hunderte Flüchtlinge aus Mittelmeer gerettet

Dienstag früh seien 18 Tote an Land gebracht worde. Damit ist die Zahl der nach der Flüchtlingstragödie vom Donnerstag geborgenen Toten laut den Behörden auf 274 gestiegen. Noch immer werden Dutzende Menschen vermisst. Die Arbeit sei sehr anstrengend und schwierig für die Taucher. Diese ziehen die Leichen mithilfe von Seilen und Kabeln an die Wasseroberfläche. Von den rund 500 afrikanischen Flüchtlingen an Bord des Schiffes hatten nur 155 das Unglück überlebt.

In der Nacht auf Dienstag retteten zwei Frachtschiffe mehrere Hundert Flüchtlinge aus dem Mittelmeer. Ein Schiff unter panamaischer Flagge nahm von einem in Not geratenen Boot etwa 100 Kilometer vor Sizilien 263 Menschen auf und brachte sie zu der Insel. Die Flüchtlinge identifizierten sich als Syrer und Palästinenser. Ein Frachter aus Dänemark brachte weitere 141 Menschen nach Sizilien, die nach eigenen Angaben ebenfalls aus Syrien kamen.

Bereits am Montag hatten ein französisches und ein niederländisches Schiff 200 Menschen von einem Flüchtlingsboot nach Sizilien gebracht. Die 29 Menschen an Bord des französischen Schiffes bezeichneten sich ebenfalls als Syrer.

Auch im kommenden Jahr Millionen Flüchtlinge erwartet

Die UNO erwartet im kommenden Jahr weitere Millionen Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland. Nochmals zwei Millionen Syrer würden voraussichtlich ihr Heimatland verlassen, 2,25 Millionen würden außerdem innerhalb Syriens auf der Flucht sein, hieß es in einem UN-Bericht, der am Montag publik wurde.

Bis Ende des laufenden Jahres wird die Gesamtzahl an syrischen Flüchtlingen in anderen Ländern seit Beginn des Krieges laut UN-Schätzung auf 3,2 Millionen steigen, hinzu kommen 4,25 Millionen Flüchtlinge innerhalb der Staatsgrenzen. Vor Beginn des Konflikts im März 2011 hatten Schätzungen zufolge mehr als 20 Millionen Menschen in Syrien gelebt. (APA/AFP)


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