Nur das Warten auf den Frühling lohnt sich

In den Trümmern des Sozialismus: Swetlana Alexijewitsch erhält am Sonntag den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

Innsbruck –Swetlana Alexijewitsch ist eine Geschichtensammlerin, eine Chronistin des 20. Jahrhunderts, das auch ein russisches Jahrhundert war. Unzählige Gespräche hat die 1948 in Galizien geborene Autorin geführt. Mit Menschen aus verschiedenen Generationen und allen sozialen Schichten. Unterschiedliche O-Töne, könnte man sagen. O-Töne, die sie, die sich nicht als Historikerin, sondern als „Menschenforscherin“ versteht, zu einem vielstimmigen Panorama von Land und Leuten verdichtet. Einen „Roman in Stimmen“, wie sie es selbst einmal genannt hat.

Näher dürfte man dem, was der Volksmund etwas nebulös als „russische Seele“ bezeichnet, nicht kommen. Und eindrücklicher dürfte die Erkenntnis, dass es diese russische Seele gar nicht gibt, nie untermauert worden sein. Das Einzige, was es gibt, ist ein unermesslich großes Land. Ein Land, in dem Zeit ein dehnbarer Begriff ist, in dem gestern, heute und morgen äußerst fragwürdige Kategorien sind. Im Landesinneren, unzählige Kilometer von den Metropolen Moskau und Petersburg entfernt, geht es nicht um Sozialismus oder Kapitalismus, ob man Weltmacht oder Entwicklungsland ist, spielt hier eine vergleichsweise geringe Rolle. Man hat sich mit der eigenen Machtlosigkeit abgefunden, gelernt, dass die einzige Hoffnung, die sich wirklich lohnt, die auf den Frühling ist. Die wenigstens wird regelmäßig erfüllt. Alexijewitsch erzählt russische Zeitgeschichte aus der Innensicht. Sie spart die Akteure der Weltgeschichte, die Stalins und Gorbatschows oder aktuell den weißrussischen Autokraten Lukaschenko, nicht aus. Zu Wort kommen bei ihr allerdings die, die der offiziellen Geschichtsschreibung nur zum Material für Statistik taugen: die Männer und Frauen auf der Straße.

Unweigerlich muss man beim Lesen ihres neuesten Buches, „Secondhand-Zeit“, an Walter Kempowskis im Ansatz vergleichbares Jahrhundert-Unternehmen „Echolot“ denken, an den von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuch also, das unbarmherzige Räderwerk der Zeit, die große Geschichte, ihre Widersprüche und Folgen aus der Perspektive der Betroffenen nacherlebbar zu machen. Auch Alexander Kluges „Lebensläufe“ kommen einem in den Sinn. Denn wie bei Kluge liegt auch bei Alexijewitsch der Reiz nicht nur in dem, was erzählt wird, sondern auch in der Art und Weise, wie hier erzählt wird. Das Buch ist kunstvoll komponiert, eine emotionale Collage des Tagtäglichen.

Dieses Programm der literarisch größtmöglichen Annäherung an das wahre Leben verfolgt Swetlana Alexijewitsch seit den frühen 1980er-Jahren, als sie in „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ Kriegsveteraninnen zu Wort kommen ließ. Das Buch wurde verboten, es beschmutze die „Ehre des großen Vaterländischen Krieges“, urteilte die allmächtige Zensurbehörde. Erscheinen konnte es erst im Tauwetter der Perestroika. In Weißrussland – Alexijewitsch lebt nach gut 20-jährigem Exil wieder in Minsk, wo sie einst Journalistik studierte – sind ihre Bücher bis heute verboten. „Secondhand-Zeit“ ist nun nach Büchern über das Kindsein im Krieg („Die letzten Zeugen“, 1985), den ersten Afghanistankrieg („Zinkjungen“, 1989) oder die nukleare Katastrophe von Tschernobyl („Eine Chronik der Zukunft“, 1997) der insgesamt fünfte Teil ihres groß angelegten Zyklus über das Leben in der ehemaligen Sowjetunion. Jetzt spricht Alexijewitsch von den unerfüllten Hoffnungen, den zerschlagenen Träumen, der Ernüchterung nach dem lange herbeigesehnten Auseinanderbrechen des Staatenblocks. Dabei erlaubt sie sich kein Pathos. Ihr Abgesang auf die Sowjetunion ist keine Elegie, sondern der bewegende Versuch, private Schicksale, das Denken und Fühlen einzelner Individuen mit der Historie zu verbinden. Es nachfühlbar zu machen. (jole)

Swetlana Alexijewitsch. Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus. Hanser Berlin, 570 Seiten, 28,70 Euro.


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