Flüchtlingsboot kenterte im Mittelmeer: 34 Tote vor Lampedusa

Freitagabend kenterte wieder ein Flüchtlingsboot vor der italienischen Insel. 206 Migranten konnten geborgen werden. Die Suche nach Vermissten ist noch im Gange.

147 Überlebende des Unglücks landeten am Samstag auf Malta.
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Lampedusa - Bei einem neuen Flüchtlingsdrama nahe der süditalienischen Insel Lampedusa sind nach Angaben der italienischen Marine rund 34 Leichen geborgen worden, 206 Menschen konnten gerettet werden. Die Suche nach weiteren Vermissten unweit des Unglücksorts in maltesischen Gewässern fortgesetzt. Vermutet wird, dass die Zahl der Todesopfer auf rund 50 Menschen steigen wird. 143 Migranten wurden an Bord eines Schiffes nach Malta gebracht. Hier wurden sie in einem Krankenhaus medizinischen Kontrollen unterzogen. An Bord des am Freitagabend gekenterten Flüchtlingsbootes mit rund 250 Menschen befanden sich mehrere Syrer.

Das Flüchtlingsboot kenterte, nachdem die Migranten ein maltesisches Flugzeug gesichtet hatten. Die Flüchtlinge hatten sich auf einer Seite des Bootes zusammengedrängt, um das Militärflugzeug auf sich aufmerksam zu machen. Angeblich konnten sie auch einen Notruf per Satellitentelefon absetzen. Das Boot geriet dabei ins Schwanken, was Panik unter den Migranten auslöste. Mehrere Flüchtlinge fielen ins Wasser, das Boot kenterte.

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Italiens Präsident nach neuer Tragödie bestürzt

Die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusy Nicolini, zeigte sich wegen des neuen Flüchtlingsdramas vor der Insel erschüttert. „Europa muss endlich etwas unternehmen, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen. Lampedusa ist zu klein, um allein dieser Situation Stand zu halten“, sagte Nicolini. Der Präsident der Region Sizilien, Rosario Crocetta, rief die Regierung in Rom und Brüssel zu sofortigem Handel auf. „Wir müssen verhindern, dass weitere Flüchtlinge ums Leben kommen. Ich bin bereit, auf Sizilien den Notstand aufzurufen, damit man endlich konkrete und einschneidende Maßnahmen gegen den Menschenhandel ergreift“, so Crocetta.

Der italienische Premier Enrico Letta zeigte sich über die neue Flüchtlingstragödie bestürzt. Diese bestätige, dass Europa dringend Maßnahmen zur Bekämpfung der illegalen Flüchtlingsströme im Mittelmeerraum ergreifen müsse. Letta telefonierte mit seinem maltesischen Amtskollegen Joseph Muscat.

„Wir machen Mittelmeer zum Friedhof“

Dieser meinte, er werde beim nächsten EU-Gipfeltreffen den Verhandlungstisch nicht eher verlassen, bis keine konkrete Lösung für den Flüchtlingsnotstand ergriffen werde. Muscat dankte Italien für die Unterstützung zur Rettung der Überlebenden des neuen Flüchtlingsunglücks.

In einem Interview mit der britischen BBC am Samstag sagte Muscat, Malta fühle sich von der EU „im Stich gelassen“. Sein Land werde auf eine Änderung der Einwanderungsbestimmungen für Nahost-Länder drängen. „Bisher hören wir von der EU nur leere Worte“, sagte Muscat, dessen Land direkt von der Flüchtlingskrise betroffen ist. „Ich weiß nicht, wie viele Menschen noch sterben müssen, bevor etwas geschieht. Wie die Dinge im Moment stehen, machen wir unser eigenes Mittelmeer zum Friedhof.“

Flüchtlinge von zwei weiteren Booten geborgen

Schiffe der italienischen Marine, die bei der Bergung der Leichen im Einsatz waren, bargen indes ein weiteres Boot mit rund 100 Migranten an Bord, das um Hilfe gebeten hatte. Das große Schlauchboot befand sich nach Angaben der italienischen Küstenwache 84 Seemeilen südöstlich von Lampedusa. Starke Winde und raue See erschwerten die Rettungsarbeiten. Ein weiteres Flüchtlingsboot mit 150 Menschen an Bord, darunter mehrere Kinder und Frauen, wurde eine Seemeile von Lampedusa entfernt gesichtet und in Sicherheit gebracht.

Erst am Donnerstag voriger Woche war ein Boot mit Flüchtlingen aus Somalia und Eritrea vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa gesunken. Bisher wurden 339 Leichen geborgen. Das Unglück hat in der EU eine Debatte über die europäische Flüchtlingspolitik ausgelöst. In der Nacht zum Freitag waren bereits mehr als 500 Flüchtlinge aus Seenot gerettet worden, sie wurden nach Sizilien gebracht. Mindestens zwölf Flüchtlinge kamen darüber hinaus bei einem Schiffsunglück vor der ägyptischen Stadt Alexandria ums Leben, 116 Insassen konnten gerettet werden. Sie waren auf dem Weg nach Europa gewesen.

Innenpolitische Diskussion über EU-Einwanderungspolitik

Der Papst hat erschüttert auf das neuen Flüchtlingsdrama nahe der süditalienischen Insel Lampedusa mit mindestens 34 Toten reagiert. „Herr, sei barmherzig. Zu oft werden wir wegen unserem bequemen Leben blind und sehen nicht diejenigen, die neben uns sterben“, schrieb Franziskus auf Twitter. Erst im Juli hatte der Pontifex Lampedusa besucht und die internationale Öffentlichkeit zu einschneidenden Maßnahmen zur Bekämpfung der illegalen Migration aufgerufen.

Inzwischen tobt in Rom eine heftige Diskussion über die europäische Einwanderungspolitik. Italienische Linksparteien forderten die Einrichtung eines „humanitären Korridors“ im Mittelmeerraum. „Man muss Menschen auf der Flucht vor Kriegen, Hunger und Diktatur erlauben, in Sicherheit Europa zu erreichen. Wir haben die Pflicht, ihr Leben zu retten“, sagte der Chef der Linkspartei SEL, Nichi Vendola.

Italiens Innenminister Angelino Alfano bezeichnete Lampedusa als „Checkpoint Charlie des neuen Jahrtausends“. „Hier verläuft die Grenze zwischen Norden und Süden der Welt, zwischen uns, die Freiheit, Demokratie und Wohlstand genießen, und den Menschen, die für diese Demokratie ihr Leben riskieren. Wir können diesem Verlangen nach Demokratie keine Schranken setzen“, kommentierte Alfano. (APA/dpa)


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