Larissas letzter Weg war von ergreifenden Worten begleitet

Unter riesiger Anteilnahme wurde die getötete Larissa Biber in Reutte verabschiedet – eine junge Frau voll von Lebenslust und großen Träumen.

Von Helmut Mittermayr

Reutte – „Die Welt dreht sich weiter. Sie scheint nicht zu begreifen. Merkt sie nicht, dass jemand fehlt. Haltet sie an, haltet die Welt an. Sie soll stehen.“ Peter Biber, der Onkel Larissas, hatte beim Requiem in der Reuttener St.-Anna-Pfarrkirche Worte für den Schmerz der gesamten Familie gefunden. Larissa, die junge Frau, deren schreckliches Schicksal ganz Tirol im Bann gehalten hat, wurde am Samstagnachmittag unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen. Die 21-jährige Außerfernerin war von ihrem Freund erwürgt und anschließend in den Inn geworfen worden.

Zumindest in Reutte schien die Welt in diesen Stunden wirklich stillzustehen, Ruhe war eingekehrt. Die Polizei hatte den Bereich um die Kirche großräumig abgesperrt. Viele, die keinen Platz mehr in der Kirche gefunden hatten, verfolgten am gegenüberliegenden Gehsteig oder am Kirchplatz das Requiem, das über Lautsprecher ins Freie übertragen wurde. An den Bänken vor St. Anna wehten Luftballons, an denen Fotos von Larissa und letzte Zeugnisse der Liebe ihr Nahestehender angebracht waren. Ihre drei Schwestern und enge Freundinnen hatten sie dort angebunden, um ihre Botschaften gleich nach der Messe in den Himmel steigen zu lassen.

In der Kirche forderte Pfarrer Josef Höller alle Anwesenden auf, „die Trauer über den unendlichen Schmerz zuzulassen“. Er dankte, dass so viele gekommen waren, das Leid zu teilen. Vor allem junge Menschen drückten sich in den Bänken eng zusammen. Der gemeinsame Kummer hatte Konfessionen außer Kraft gesetzt. Die Trauernden trugen alles von Schwarz bis Kopftuch. So viele Rosen in klammen, zitternden Händen wird die Reuttener Pfarrkirche noch nie gesehen haben.

Ein Requiem – getragen von Musik, die mit jedem Ton unter die Haut ging. Der bekannteste Name auf der Empore war Bluatschink. Toni Knittel war auf Bitte der Trauerfamilie mit seiner Frau Margit gekommen, um „Falla lassa“, das Lieblingslied Larissas, anzustimmen. Die Reuttenerin hatte wie im Song gehofft, die große Liebe ihres Lebens zu finden und sich mit einem Partner fallen lassen zu können.

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Aber auch der Chor Viva la Musica unter Leitung Christian Pichlers hatte etwa Halleluja von Leonard Cohen derart berührend intoniert, dass den Tränen freier Lauf gelassen wurde. Franzi Biber, Larissas Mama, ist Chormitglied. Auch Reuttes Musikschulchor, ein Saxophon-Ensemble oder Organist Albert Frey hüllten das Kirchenschiff in Klangwolken, die die Trauernden teils in andere Sphären davontrugen.

Ein zehnminütiges Amateurvideo mit aneinandergereihter Bilderfolge erlaubte dann einen fotografischen Einblick in das Leben der Getöteten. Zu sehen war vor allem eines – eine junge, bewegte Frau, die das Leben anlachte und mit allen Sinnen zu genießen schien. Das private Filmchen war erst vor zwei Wochen auf YouTube hochgeladen worden. In dieser Zeit ist es 91.158-mal aufgerufen worden. Ein außergewöhnliches öffentliches Interesse, weit über bisher Bekanntes hinaus.

„Lebe jeden Moment. Lache jeden Tag. Liebe unvorstellbar!“ Larissas Lebensmotto wurde beim Requiem ausführlich gewürdigt und zu einer Hommage an eine junge Frau, die mit Herz, Verstand und Lust durchs Leben gegangen zu sein schien: Matura mit gutem Erfolg, aktuelle Tiroler Landessiegerin der Werkstofftechniklehrlinge, Saxophonistin, Physikstudium vor Augen, vielseitig sportlich, Radenthusiastin, Après-Ski-Fan, äußerst naturverbunden, tanz- und karaokeverliebt.

Das innige innerfamiliäre Verhältnis bei den Bibers hatte die 21-Jährige mit ihren Facebook-Einträgen heuer selbst noch veröffentlicht. Ihr Onkel ging während des Requiems auch speziell darauf ein. „Ich liebe meine Schwestern, egal wie sehr wir uns auch manchmal streiten“, hatte sie ihrem Freundeskreis gepostet. Und an ihre Mutter gerichtet: „Eine Mama trägt dich immer. Sie ist zu 100 Prozent für dich da. Mama, ich hab dich lieb!“

Nach der eineinhalbstündigen Messe absolvierte die Trauergemeinde den zehnminütigen Fußmarsch zum Breitenwanger Friedhof, wo es endgültig hieß: Abschied nehmen. Josef Ostheimer, der Ausbildungsleiter von Plansee, würdigte dort noch einmal den zielstrebigen und ehrgeizigen Lehrling, aber auch die außergewöhnliche Plansee-Mitarbeiterin, die auf „ihre einzigartige Weise perfekt“ gewesen sei. Nach dem tragischen Geschehen sei nichts mehr wie zuvor.

In den letzten Tagen hatten alle Spekulationen im Ort ein Ende gefunden. Ein dunkler Schatten hatte sich über Reutte gelegt und die Menschen waren verstummt. Es galt, nur noch das Unvermeidliche zu Ende zu bringen.


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