Druck auf EU steigt: „Wir machen unser Mittelmeer zum Friedhof“

Wird das Mittelmeer zum „Friedhof“ für Bootsflüchtlinge, wie Maltas Regierungschef Muscat nach der jüngsten Flüchtlingstragödie vor Lampedusa befürchtet? Der Streit um die EU-Flüchtlingspolitik dürfte nicht sobald zu Ende sein. Auch der Papst fordern ein Umdenken.

© EPA/STRINGER

Valletta, Rom - Nach den jüngsten Flüchtlingsdramen im Mittelmeer mit mehr als 400 Toten wächst der Druck auf die Europäische Union. Malta, das neben Italien am stärksten von der Flüchtlingskrise betroffen ist, rief die EU zum Handeln auf. „Bisher hören wir von der EU nur leere Worte“, sagte Ministerpräsident Joseph Muscat am Samstag in einem BBC-Interview. „Ich weiß nicht, wie viele Menschen noch sterben müssen, bevor etwas geschieht. Wie die Dinge im Moment stehen, machen wir unser eigenes Mittelmeer zum Friedhof.“

Bei einem Schiffsunglück zwischen Malta und Lampedusa waren zuletzt am Freitag mindestens 35 Bootsflüchtlinge ums Leben gekommen, mehr als 200 konnten gerettet werden.

Libyer feuerten Schüsse ab

Überlebende des havarierten Flüchtlingsbootes berichteten der Zeitung „Malta Today“ (Sonntag), zwei Insassen seien getötet worden, als libysches Militär das Feuer auf das Boot eröffnet habe. Ein Militärschiff sei ihnen zuvor stundenlang gefolgt und habe den Kapitän zur Rückkehr aufgefordert. Schließlich hätten sie auf den Maschinenraum gefeuert. Eine Stellungnahme aus Libyen gab es dazu zunächst nicht. Das Schiff war in der Hafenstadt Suwara in See gestochen.

Unterdessen stieg die Zahl der Toten der Schiffstragödie, die sich in der Woche zuvor vor Lampedusa ereignet hatte, auf 360. Nach italienischen Angaben wurden am Samstag knapp 20, am Sonntag noch einmal 2 Leichen aus dem Meer geborgen. 155 Flüchtlinge hatten den Schiffbruch überlebt. Nach ihren Angaben sollen insgesamt 545 Menschen an Bord gewesen sein.

Am Freitag war zudem ein Flüchtlingsboot auf dem Weg nach Europa vor der Küste Ägyptens gesunken. Dabei starben 12 der rund 150 Menschen an Bord - überwiegend Palästinenser und Syrer. Italien hat das Flüchtlingsproblem zu einem zentralen Anliegen erklärt, mit dem sich der EU-Gipfel am 24. und 25. Oktober auseinandersetzen müsse.

Schulz: „EU-Staaten dürften nicht untätig zusehen“

Nach Ansicht von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) sollten die anderen EU-Länder Italien stärker unterstützen. Kein anderes Land, außer vielleicht Malta, sei in einer ähnlichen Lage. Die Regierung in Rom müsse zwar ihre eigenen Probleme mit den Aufnahmekapazitäten lösen, aber die 27 anderen EU-Staaten dürften nicht untätig zusehen, sagte Schulz der Nachrichtenagentur dpa am Freitag. In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe sich in der Migrationsdebatte in Europa kaum etwas getan.

Papst Franziskus, der bereits Anfang Juli bei einem Besuch Lampedusas die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal von Migranten angeprangert hatte, schrieb am Samstag im Kurznachrichtendienst Twitter: „Herr erbarme Dich. Allzu oft sind wir durch unser angenehmes Leben geblendet und weigern uns, diejenigen wahrzunehmen, die vor unserer Haustür sterben.“

Ein Umdenken in der europäischen Flüchtlingspolitik forderte auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch. „Wir dürfen Europa nicht als Festung ausbauen, in die keiner mehr hinein darf“, sagte er der „Passauer Neuen Presse“ (Samstag). Er hoffe, dass die Tragödie vom Lampedusa zu einer Wende führe.

Flüchtlinge strömen weiter nach Lampedusa

Trotz der jüngsten Tragödien machen sich immer mehr Bootsflüchtlinge von Nordafrika aus auf den Weg nach Europa. In der Nacht zum Sonntag brachte die italienische Küstenwache ein Schlauchboot mit 14 Menschen auf, eine im neunten Monat schwangere Frau wurde mit einem Hubschrauber nach Lampedusa gebracht. Am Vortag war ein Schiff mit 183 Flüchtlingen kurz vor der Küste der winzigen Mittelmeerinsel abgefangen worden. Weiterhin half die italienische Küstenwacht 85 Migranten, die etwa 85 Seemeilen südlich von Lampedusa festsaßen. (APA/dpa)


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