Kurzes Leben, großes Werk

Sozialrevolutionär oder doch ein ernüchterter Romantiker? Vor 200 Jahren wurde Georg Büchner geboren. Zwei neue Biografien wagen die Annäherung an das rätselhafte Genie.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Georg Büchner war noch keine 24 Jahre alt, als er am 19. Februar 1837 im Züricher Exil starb. Der Typhus setzte seinen kompromisslosen Texten, seinen scharfsichtigen Betrachtungen, seiner radikalen Skepsis und der bis zur körperlichen Erschöpfung reichenden Arbeitswut ein jähes Ende. Drei Theaterstücke, eine – von den zahllosen Exegeten sträflich missachtete – Künstler-Novelle, eine politische Flugschrift, dazu eine Handvoll Briefe und einige naturwissenschaftliche Schriften, vornehmlich über die Schädelnerven von Süßwasserfischen, hat Büchner in gut drei Schaffensjahren zu Papier gebracht. Im Grunde also ein überschaubares Werk – und doch ein Textgebirge, das sich gängigen literaturgeschichtlichen Einordnungsversuchen entzieht und seit seiner Wiederentdeckung zu Beginn des 20. Jahrhunderts Rätsel aufgibt. „Wie konnte Büchner mit Sätzen, die so offenkundig in größter Eile hingeworfen wurden, so erschütternd ins Schwarze treffen?“, fragt sich beispielsweise Büchner-Biograph Hermann Kurzke in seiner „Geschichte eines Genies“. Und bleibt die Antwort naturgemäß schuldig. Nicht zuletzt, weil die Quellenlage, wie es an anderer Stelle heißt, „dubios, ruinös und fragmentarisch“, „ein Gemälde nach einem Säureattentat“ ist. Über kaum einen Autor wird bis heute so viel geschrieben, gemutmaßt und gestritten wie über den Verfasser von „Dantons Tod“, der Erzählung „Lenz“, von „Leonce und Lena“ und der Fragment gebliebenen Sozialtragödie „Woyzeck“. Kaum ein Schriftsteller wurde posthum so intensiv vereinnahmt wie Büchner. Wechselnd galt er als Frühsozialist, Frühexpressionist, Frühnaturalist, als Revolutionär und Sozialromantiker, materialistischer Fatalist und christlicher Fanatiker. Jede Schule suchte und fand ihren Büchner. Selbst die Nazis, die Büchners Volkstümlichkeit als genuin deutschen Sozialismus zu erkennen glaubten.

Nicht zuletzt gegen diese Geschichte der Büchner-Aneignung schreibt Kurzke, der sich unter anderem als Biograph Thomas Manns („Das Leben als Kunstwerk“, 2001) einen Namen gemacht hat. Vor allem die vorherrschende „Revolutionssentimentalität“ der Büchner-Forschung ist Kurzke ein Dorn im Auge. Der steckbrieflich als „Staatsverräter“ gesuchte Büchner habe seinen im „Hessischen Landboten“ wortgewaltig beschworenen „Krieg den Palästen“ schon bald ernüchtert relativiert. „Erst Wut und Trotz, dann Verzweiflung und Depression“, schrieb er noch 1834 – kurz nach Erscheinen des gemeinsam mit Friedrich Ludwig Weidig redigierten „Landboten“. Überhaupt, so Kurzke, sei es wohl weniger der revolutionäre Elan gewesen, der Büchners Engagement für soziale Veränderung befeuerte, als christliches Mitleid und bürgerlicher Idealismus.

Eine Ansicht, der Jan-Christoph Hauschild entschieden widerspricht. Für ihn blieb Büchner zeit seines kurzen Lebens ein Dichter der Revolte und des Aufbegehrens. Bereits 1993 legte Hauschild das gewichtige „Georg Büchner. Biographie“ vor. „Verschwörung für die Gleichheit“, das jetzt im Jahr von Büchners 200. Geburtstag erschienen ist, ist gewissermaßen eine entschlackte Version von Hauschilds erschöpfender Büchner-Exegese. Im Zentrum des neuen Buches stehen die unfassbar produktiven letzten Lebensjahre Büchners und die These, dass alles, was der Autor zu Papier brachte, seiner Empörung über soziale Missstände und himmelschreiende Ungerechtigkeit geschuldet war. Gerade für die Schilderung der Ereignisse im Jahr 1834, als Büchner nicht nur den „Hessischen Landboten“ verfasste, sondern gemeinsam mit dem ehemaligen Theologiestudenten August Becker die geheime „Gesellschaft für Menschenrechte“ gründete, erweist sich diese Perspektive als fruchtbar. Manches des virtuos aus Originalzitaten und atmosphärischen Imaginationen komponierten Textes liest sich wie ein historischer Politthriller, spannend und nah an den handelnden Figuren. Was die Interpretation von Büchners literarischem Werk angeht, stößt Hauschilds Lesart aber an ihre Grenzen und kommt der von Hermann Kurzke kritisierten „Revolutionssentimentalität“ bedenklich nahe. Trotz mancher hermeneutischer Verrenkung bleibt die „Verschwörung für die Freiheit“, nicht zuletzt wegen der eindrücklichen Schilderung des historischen Kontexts und der – wenn man den etwas besetzten Begriff nicht scheut – Produktionsbedingungen der Büchner’schen Weltliteratur, aufschlussreich. Auch deshalb, weil es – ebenso wie Hermann Kurzkes ungleich umfangreichere Annäherung an das rätselhafte Genie – untermauert, dass im Fall Büchner das letzte Wort noch lange nicht gesprochen ist.

Hermann Kurzke. Georg Büchner. Geschichte eines Genies. Verlag C.H. Beck, 592 Seiten, 29,95 Euro. Jan-Christoph Hauschild. Georg Büchner. Verschwörung für die Gleichheit, Verlag Hoffmann und Campe, 351 Seiten, 22,99 Euro.


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