Nach TV-Aufruf: Polizei „erfreut“ über Hunderte Hinweise

Nach einem TV-Aufruf im Fall der vermissten Maddie McCann haben sich in Großbritannien Hunderte Zuschauer bei der Polizei gemeldet. Die Eltern schöpfen neue Hoffnung. Am Mittwoch wird der Aufruf in Deutschland fortgesetzt.

Maddie wird seit dem Jahr 2007 vermisst. Rechts, ein Computerbild: So könnte das Mädchen im Alter von neun Jahren aussehen.
© APA/EPA

London – Ein TV-Aufruf im Fall der verschwundenen Maddie McCann hat der britischen Polizei Hunderte neue Hinweise gebracht. Fast 1.000 Anrufe und E-Mails gingen bis Dienstagnachmittag bei der Londoner Polizei Scotland Yard ein, nachdem diese am Montagabend in einer BBC-Sendung neue Erkenntnisse sowie Phantombilder von Gesuchten vorgestellt hatte.

„Wir sind hocherfreut über die Reaktionen“, sagte Hauptkommissar Andy Redwood. Demnach hatten mehrere Anrufer zum Phantombild eines Mannes denselben Namen genannt. Mit den Hinweisen wurde auch die Hoffnung auf Erfolg der Aktion in Deutschland geweckt.

„Aktenzeichen XY“

Am Mittwoch wird der Aufruf in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ gezeigt (20.15 Uhr). Für Dienstag war geplant, die niederländische Bevölkerung im TV-Fahndungsprogramm „Opsporing verzocht“ zur Mithilfe aufzurufen. Zwei der gesuchten Männer könnten Zeugenaussagen zufolge Deutsch oder Niederländisch gesprochen haben. Zudem waren in der Zeit von Maddies Verschwinden aus einer portugiesischen Ferienanlage im Frühjahr 2007 zahlreiche deutsche und niederländische Touristen anwesend.

„Irgendwie wusste ich sofort, dass jemand Madeleine mitgenommen hatte.“
Kate McCann

In der ZDF-Sendung werden auch die Eltern von Maddie, Gerry und Kate McCann, sprechen. Für das Fernsehen wurden die Geschehnisse in einem Kurzfilm mit Schauspielern nachempfunden. Maddies Mutter berichtet darin unter anderem, wie sie zunächst dachte, Maddie hätte sich in das Elternbett des Urlaubsappartements gelegt, als sie ihre Tochter nicht in deren Zimmer fand. „Dann kam langsam die Panik“, erinnert sie sich. Plötzlich habe sie gesehen, dass ein Fenster offenstand: „Irgendwie wusste ich sofort, dass jemand Madeleine mitgenommen hatte.“ Bis heute mache sie sich schwere Vorwürfe, die Kleine alleingelassen zu haben.

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Die damals dreijährige Madeleine war am Abend des 3. Mai 2007 aus der Ferienwohnung in Praia da Luz an der portugiesischen Algarve verschwunden, während ihre Eltern mit Freunden in der Nähe beim Abendessen waren. Die Behörden in Portugal hatten ihre Ermittlungen 2008 ergebnislos eingestellt. Scotland Yard überprüfte diese. Nachdem Zeugenaussagen, Mobilfunkdaten und weiteres Material erneut betrachtet worden waren, habe sich der Schwerpunkt nun verschoben, erklärte Redwood.

Unter anderem wurde einer der einst Hauptverdächtigen als unschuldiger Vater identifiziert, der sein Kind aus einem Abend-Kindergarten abgeholt hatte. Die Polizei geht jetzt davon aus, dass Madeleine später aus dem Appartement verschwand als zunächst gedacht - was die Möglichkeit eröffnet, dass ihre Mutter einen möglichen Entführer beinahe noch angetroffen hätte, als sie nach Madeleine und ihren beiden Geschwistern schauen wollte.

In der britischen Presse wurden am Montag zwei Phantombilder des Mannes veröffentlicht.
© EPA/METROPOLITAN POLICE

Die Polizei sucht nun vor allem einen Mann, der mit einem Kind auf dem Weg Richtung Strand gesichtet wurde. Identifiziert werden sollen zudem ein oder mehrere blonde Männer, die sich vor der Entführung in der Nähe des Appartements aufgehalten haben sollen. Vieles deute auf eine „geplante Entführung“ hin, sagte Redwood in der Sendung. Er rief Zuschauer und Öffentlichkeit auf, vorgefertigte Meinungen in dem von Spekulationen umgebenen Fall abzulegen und neu nachzudenken: „Wir haben versucht, alles wieder auf Null zu setzen, auf Anfang, und von dort neu zu beginnen.“ (APA/dpa)

Der Fall Maddie: Ein Rückblick

3. Mai 2007:

Madeleine verschwindet aus einer Luxus-Ferienanlage in Praia da Luz an der portugiesischen Algarve-Küste. Die Eltern, ein britisches Ärzte-Paar, waren in der Nähe der Ferienanlage beim Abendessen. Ihre drei Kinder ließen sie schlafend zurück.

7. Mai 2007:

Im britischen Fernsehen fleht Madeleines Mutter mögliche Entführer an, das Kind freizulassen. Die Eltern wenden sich mit einer Medienkampagne an die Öffentlichkeit. Fotos der blonden Maddie gehen um die Welt. Kurz darauf ruft Fußballer David Beckham zur Hilfe auf. Prominente setzen vier Millionen Euro als Belohnung für Hinweise aus.

15. Mai 2007:

Die Polizei verdächtigt einen Briten. Er bestreitet die Vorwürfe.

5. August 2007:

Leichenspürhunde sollen Spuren entdeckt haben, die darauf hindeuten, dass Madeleine im Hotelzimmer gestorben ist. Die Spuren stammen aber wahrscheinlich nicht von dem Mädchen. Dennoch gehen die Ermittler davon aus, dass Madeleine in der Wohnung umgekommen ist. Die Fahnder konzentrieren sich auf die Eltern und deren Bekannte.

6. September 2007:

Beide Eltern gelten nun offiziell als Verdächtige. Medien zufolge geht die Polizei davon aus, dass es ein „Unglücksfall“ war und sie die Leiche verborgen haben.

Juli 2008:

Die portugiesische Polizei stellt die Ermittlungen ohne Ergebnis ein. Für ein Verbrechen gebe es keine Beweise. Der Fall sei aber noch nicht zu den Akten gelegt.

Jänner 2009:

Ein Team ehemaliger Fahnder von Scotland Yard hat sich im Auftrag der Eltern auf die Suche nach Madeleine gemacht. Finanziert wird die Aktion von einem wohlhabenden Geschäftsmann.

Mai 2009:

Zwei Jahre nach Maddies Verschwinden flehen ihre Eltern mögliche Entführer um die Freilassung ihre Tochter an. Sie nutzen dazu ein Gespräch mit der US-Talkshow-Queen Oprah Winfrey, das Millionen Zuschauer sehen.

März 2010:

Die Eltern fordern Einsicht in Ermittlungs-Unterlagen, die die portugiesische Polizei ihnen bisher vorenthalten haben soll.

März 2011:

Madeleines Eltern protestieren vergeblich gegen den Verkauf eines Buches, das der portugiesische Ex-Chefermittler Goncalo Amaral über den Fall geschrieben hat. Er vertritt im Kern die These, dass das Kind im Jahr 2007 bereits im Urlaubshotel der Familie in Portugal gestorben ist und nicht entführt wurde. Die Eltern hätten etwas mit dem Verschwinden zu tun gehabt.

Mai 2011:

Die Mutter Kate McCann veröffentlicht ein Buch mit ihrer Version der Geschichte. In den Memoiren beschreibt sie unter anderem ihre Qualen und Zerrissenheit nach dem Verschwinden ihrer Tochter, die sie an den Rand des Zusammenbruchs gebracht habe. Nach außen sei sie aber immer gefasst aufgetreten.

Mitte Mai 2011

kündigt die britische Polizei an, den Fall erneut zu untersuchen. Die Ermittlungsakten würden erneut überprüft, kündigt Premierminister David Cameron an.

April 2012:

Die britische Polizei erklärt, dass Maddie möglicherweise noch am Leben ist. Es gebe Anhaltspunkte für Ermittlungslücken.

Juli 2013:

Scotland Yard gibt nicht auf: Bei weiteren Untersuchungen will die Polizei 38 „Personen von Interesse“ überprüfen.

Oktober 2013:

Die Polizei geht nochmals in eine Ermittlungsoffensive. Die Beamten wollen anhand von Telefondaten alle Personen identifizieren, die sich zum Zeitpunkt des Verschwindens Maddies aus der Ferienanlage in dem Ort befunden haben. Zudem spricht die Polizei von „bedeutsame Veränderungen“ im Zeitablauf und der bisherigen „Version der Geschehnisse“. Die Erkenntnisse sollen per TV-Fahndung bekannt gemacht werden.


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