Britische Polizei erhielt 2400 Hinweise nach TV-Sendungen

Seit sechseinhalb Jahren suchen die McCanns ihre Tochter Madeleine. Jetzt sollte auch das deutsche Fernsehen helfen. Nach ihrem „Aktenzeichen XY... ungelöst“-Auftritt gibt es 500 Hinweise. Nach ähnlichen Sendungen in Großbritannien und den Niederlanden waren damit insgesamt 2400 Hinweise bei der Polizei eingegangen.

Maddie wird seit dem Jahr 2007 vermisst. Rechts, ein Computerbild: So könnte das Mädchen im Alter von neun Jahren aussehen.
© APA/EPA

München – Vor sechs Jahren waren Kate und Gerry McCann schon einmal in Deutschland. Damals empfing Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) das Ehepaar aus Großbritannien im Roten Rathaus. Damals schon bat es die deutsche Öffentlichkeit um Hilfe bei der verzweifelten Suche nach ihrer kleinen Tochter Madeleine. Am Mittwochabend wiederholt sich die Geschichte.

Das Ehepaar sitzt in München im Studio der ZDF-Fahndungssendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“, hält sich an den Händen und fleht deutsche Urlauber an, sich zu erinnern, wenn sie Anfang Mai 2007 in Praia da Luz an Portugals Südküste gewesen seien - an irgendetwas. Mit 7,26 Millionen Zuschauern war „Aktenzeichen XY“ am Mittwoch die mit Abstand meistgesehene Sendung im deutschen Fernsehen.

Eltern richteten Appell an die Zuseher

„Wenn Sie irgendetwas wissen, bitte bitte trauen Sie sich und melden Sie sich. Wir brauchen Ihre Hilfe“, sagt Kate McCann. „Wir vermissen sie jeden Tag“, sagt ihr Mann über Maddie.

Die Zahl der Hinweise zu Madeleine, die im „XY“-Studio eingingen, lagen am Donnerstag bei 500 - die Telefone im Studio waren von 20.15 Uhr bis 2 Uhr nachts geschaltet. Auch wenn Qualität und Inhalt dieser Hinweise zunächst unklar blieben, waren die McCanns nach Angaben einer Sprecherin der Sendung überwältigt.

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Viel ist passiert seit diesem schicksalhaften 3. Mai 2007, als die McCanns ihre damals drei Jahre alte Maddie zum letzten Mal sahen. Als er zum letzten Mal nach seiner schlafenden Tochter sah, habe er noch gedacht, „wie süß sie ist und was für eine glückliche Familie wir sind“, sagt Gerry McCann. „Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe.“ Während die Eltern mit Freunden zum Abendessen in einer Tapas-Bar saßen, verschwand Maddie aus der rund 50 Meter entfernten Ferienwohnung.

„Wir können nicht aufhören zu suchen“

Das Ehepaar reiste danach um die Welt, richtete eine Homepage für die Suche ein, ließ das Bild ihrer vermissten Tochter in Rom von Papst Benedikt XVI. segnen und geriet schließlich selbst ins Visier der portugiesischen Behörden. Der ehemalige Chefermittler ist noch heute davon überzeugt, dass die Eltern etwas mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun haben. Von Maddie aber fehlt nach wie vor jede Spur.

Ihr Verschwinden bleibt ein Rätsel, dessen Lösung die McCanns sich zur Lebensaufgabe gemacht haben. „Ich würde ihr gerne sagen, wie sehr wir sie immer geliebt haben und dass wir nicht aufhören werden, nach ihr zu suchen“, sagt Maddies Vater. „Ich denke nicht, dass Eltern, deren Kinder vermisst werden, aufhören können, zu suchen.“ Und: „Es gibt keinen Beweis dafür, dass Madeleine tot ist.“

Die McCanns haben mächtige Verbündete. Spätestens seitdem sich der britische Premierminister David Cameron öffentlich für sie stark machte, steht die Suche nach Maddie wieder auf der Agenda. Inzwischen hat sich die Londoner Polizei Scotland Yard des Falls angenommen, die Ermittlungen der portugiesischen Kollegen überprüft - und sie gibt den Eltern Hoffnung.

Detective Chief Inspector Andy Redwood berichtet in der ZDF-Sendung von jungen Männern, die sich in den Tagen vor Maddies Verschwinden in der Ferienanlage mit dem Namen Ocean Club aufhielten und sich verdächtig benahmen - und die möglicherweise Deutsch oder Niederländisch gesprochen haben sollen. Und er sprach von einem Mann, der beobachtet wurde, als er am Tattag zur Tatzeit mit einem Kind auf dem Arm Richtung Strand verschwand.

Redwood macht keinen Hehl daraus, dass er diesen Mann für den möglichen Täter hält, für den Menschen, der das kleine Mädchen aus seinem Bettchen holte und aus der Ferienanlage mitten in dem beschaulichen, hauptsächlich von britischen Touristen bevölkerten Ferienort entführte.

Phantombilder machen die Runde

Seit einigen Tagen schon, seitdem die McCanns zu ihrem erneuten Medien-Marathon angetreten sind und in Großbritannien und den Niederlanden im Fernsehen zu sehen waren, machen Phantombilder die Runde, die unter anderem diese drei Männer von Interesse zeigen. Nach den Zeugenaufrufen in Großbritannien - in der BBC-Sendung „Crimewatch“ - dem britischen Äquivalent zu „Aktenzeichen XY“, in Deutschland und den Niederlanden hat die britische Polizei nach Angaben von Scotland Yard vom Donnerstag insgesamt 2400 Hinweise erhalten.

Auch wenn Experten wie der deutsche Kriminologe Christian Pfeiffer der Ansicht sind, die Familie klammere sich an Strohhalme, weil Phantombilder so lange nach der Tat keinen Wert mehr hätten - die McCanns glauben fest an einen Durchbruch.

„Wir vermissen Madeleine unglaublich. Ich weiß, sie wird anders sein durch das Leben mit anderen Menschen, aber sie gehört zu uns“, sagt ihre Mutter. „Wir sind zu fünft, auch wenn derzeit nur vier von uns zusammen sind.“ Auch Maddies beiden jüngeren Geschwistern zuliebe versuchen die McCanns, weiterzumachen - irgendwie. Momente der Normalität gebe es inzwischen hin und wieder, sagen sie. Aber Gerry McCann sagt auch: „Jede Sekunde fühlt sich an wie eine ganze Stunde, jede Minute wie ein Leben.“ (dpa)


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