„Wir aber gehen her und stutzen die Kinder zurecht“

Sein Film „Alphabet“ deckt schonungslos auf und macht gleichzeitig Mut: Regisseur Erwin Wagenhofer über das falsche Bildungssystem, richtiges Lernen und warum er an seinem letzten Schultag weinte.

Frühförderung für die Kleinsten und chinesisches Bildungssystem: Leistung als Maxime der Wettbewerbsgesellschaft. Fotos: Rottensteiner, Filmladen Filmverleih Wagenhofer (3)
© thomas boehm

Nach „We Feed The World“ und „Let’s Make Money“ ist der dritte Teil Ihrer Trilogie – „Alphabet“ – im Kino zu sehen. Nach Nahrung und Geld steht dabei die Bildung im Mittelpunkt. Warum?

Erwin Wagenhofer: Eigentlich war das Thema sogar das erste, das im Raum stand. In jeder Zeitung und in jeder Nachrichtensendung geht es darum, was alles schiefläuft auf der Welt. Der Witz aber ist, dass hinter all diesen Verwerfungen Leute stehen, die am besten gebildet sind. Ob in der City of London, in der Wallstreet oder in Frankfurt – überall dort arbeiten Leute, die mindestens ein Hochschulstudium haben. Das ist mein Zugang. Das ist es, was mich interessiert. Was kommt denn am Ende überhaupt raus? Jetzt heißt es, es soll noch mehr Akademiker geben, damit dann alle diese Dinge machen. Aber eigentlich geht es nicht um Bildung, sondern um die Haltung dahinter. Die Haltung ist, so viel Profit wie möglich zu machen, das ist ja der einzige Sinn. Das ist aber auch das, was uns die meisten Schwierigkeiten bereitet.

Der Film wird als Ihr bisher radikalster bezeichnet. Warum?

Wagenhofer: Weil es um uns geht! Bei den anderen Filmen zeigt zwar schon der Titel, dass wir es sind. Also: „We Feed The World“ und nicht „They“. Oder: „Lasst uns Geld machen“. Aber die Leute sind trotzdem ins Kino gegangen und haben immer auf die anderen hingezeigt. Und das stimmt aber nicht, das sind wir alle. Wir leben in einer Demokratie und das heißt, wir haben eine Möglichkeit, uns einzumischen. Und wenn wir das nicht tun, dann werden wir große Schwierigkeiten bekommen, weil die Politik macht nichts. Die Politik ist ein opportunes Geschäft, in dem erst umgedacht wird, wenn viele Wählerstimmen zu erwarten sind. Aber Sie sehen selbst den Stillstand in Österreich. Bildung – das stand fast auf jedem Wahlplakat. Nur: Die meinen ganz was anderes! Interessanterweise interessieren sich seit einigen Jahren ältere, graumelierte Herren für die Kinder. Weil die wissen, sie brauchen Futter, Futter für die Betriebe. Mich interessiert aber eher, wie ist denn eine glückliche Zukunft der Kinder? Es steht übrigens sogar in der Österreichischen Bundesverfassung, Artikel 14, was der Sinn der Schulbildung überhaupt sein soll. Nämlich einen mündigen Bürger hervorzubringen, der solidarisch mit sich und seiner Umwelt im Einklang leben kann. Was aus den Systemen rauskommt, sind aber meistens angepasste Menschen.

Sie meinen, dass speziell für heimische Betriebe Leute ausgebildet werden?

Wagenhofer: Es wäre gut, wenn es so wäre. Aber das passiert ja gar nicht. In St. Gallen zum Beispiel, dort geht es doch nur darum, Gewinne zu machen, und nicht um vernünftiges Wirtschaften. Darum haben wir auch diese Probleme. Aber die Wirtschaft müsste wieder für die Menschen da sein und nicht umgekehrt. Und die Schule müsste für die Kinder da sein und nicht die Kinder für die Schule.

Sie stellen im Film ganz verschiedene Leute vor: den jungen Spanier mit dem Downsyndrom und dem Universitätsabschluss, den gedrillten chinesischen Superschüler, die deutsche Schülerin, die mit dem Brief aufrüttelte, neben der Schule bliebe keine Zeit, und viele andere. Wer hat Sie selbst am meisten beeindruckt?

Wagenhofer: Sie haben eigentlich richtig begonnen, es war Pablo Pineda Ferrer. Sein Schicksal hat mich tief beeindruckt. Was Pablo in seiner Andersartigkeit hat – wie er es nennt –, ist: Er ist noch ein Mensch, er hat noch Gefühle. Wenn man ihm den elfjährigen chinesischen Mathematik-Olympiade-Sieger gegenüberstellt, dann sind das zwei Welten. Aber worum’s mir im Film gegangen ist – und der endet ja positiv: Ich wollte den Menschen Mut machen, dass sie sich bewegen, denn von außen bewegt sich nichts.

Wie haben Sie eigentlich Ihre eigene Schulzeit in Erinnerung? War es eine positive Erfahrung?

Wagenhofer: Ich habe am letzten Schultag geweint. Aber das war eine ganz andere Zeit, wir haben diesen Druck nicht gehabt. Und der wesentliche Unterschied war: Uns allen war klar, wenn die Schule fertig ist, kriegen wir eine Arbeit. Und zwar die, die wir haben wollen. Dadurch war die ganze Angst weg. Darum heißt ja auch der Untertitel des Films „Angst oder Liebe“. Das System, das wir heute haben, ist ein von Angst getriebenes. Ununterbrochen hört man die Leute sagen: „Wenn wir dies und jenes nicht machen, dann gibt es keine Alternativen.“ Aber natürlich gibt es welche. Es ist den Leuten gar nicht bewusst, dass es ja wir sind, die das System machen. Ich habe lange mit dem Arbeitstitel gespielt: „Wer, wenn nicht wir?“. Es geht nicht darum, die Schule abzuschaffen. Die Schulen müssen in Wirklichkeit eine andere Perspektive auf die Kinder einnehmen. Es ist eigentlich ganz einfach. Jetzt ist es so, die Erwachsenen glauben, die Kinder kommen auf die Welt und sind leer und wir müssen sie anfüllen mit unserem Wissen, auch wenn uns gar nicht klar ist, ob sie es morgen noch brauchen können. Und in Wirklichkeit ist es so, dass die Kinder schon alles mitbringen, alle Gaben stecken schon drin. Und wir müssten schauen: Wie können wir es einrichten, damit sie das zur Entfaltung bringen und jeder dorthin kommt, wo seine Gabe ist? Weil dann kann er auch geben. Gabe und geben, das hängt ganz eng zusammen. Wir aber gehen her und stutzen sie zurecht.

Sie meinen, dass 98 Prozent der Kinder hochbegabt zur Welt kommen? Und dass es nach der Schule nur noch zwei Prozent sind?

Wagenhofer: Ja, genau. Das ist doch absurd, oder? Der Film endet dort, wo er anfängt: in der Wüste. Sogar dort kann es blühen, wenn wir nur die richtigen Bedingungen schaffen. Und der Witz ist: Es ist gar nicht schwer. Und es würde gar nichts kosten. Der größte Fake ist ja der, dass zu wenig Geld da ist. Das öffentliche österreichische Bildungssystem ist das viertteuerste der Welt. Es ist aber keine Frage des Geldes, es ist eine Frage der Haltung dahinter.

Sie haben zwei inzwischen erwachsene Töchter. Haben Sie Druck auf sie ausgeübt?

Wagenhofer: Meine Kinder sind in den 80er-Jahren auf die Welt gekommen. Und genau in dieser Zeit ist der Druck entstanden. Da ist der Kardinalfehler passiert. Bei mir war es so toll, weil der Druck nicht war. Ich war ein durchschnittlicher, teils sogar schlechter Schüler. Ich habe aber eine Methode gefunden, wie ich mich durchschummeln kann, bis zur Matura. Ich habe in der Zeit irrsinnig viel gelernt, aber nicht in der Schule. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, wo ich nach der Schule hinaus durfte, wo ich mit meinen Freunden experimentiert habe, im Wald, zu jeder Jahreszeit. Das war unsere Schule. Das weiß auch jeder von sich, wenn er etwas wirklich lernen will, dann lernt er es auch. Es ist nur eine Frage des Interesses. Es gibt eine natürliche Lernlust, und da sollte man schauen, dass die Kinder die beibehalten. Aber manchen wird das ausgetrieben. Wissen Sie, ich würde mit dem System einverstanden sein, wenn alle Leute glücklich wären. Aber wenn man sie sich anschaut – vor allem in den Städten –, wie frustriert sie sind und wie sie sich befriedigen mit Konsumgütern. Wir sind Getriebene.

Hat es Ihnen für Ihre Kinder leidgetan, dass die Zeit schon eine andere war oder haben Sie die Veränderung noch nicht bewusst wahrgenommen?

Wagenhofer: Ich habe damals das getan, was alle Eltern getan haben. Leider, muss ich sagen. Ich war eben noch nicht so weit. Ich will mich hier nicht rausnehmen. Aber es geht nicht um gut und böse. Ich will aufrütteln, Mut machen. Meinen Kindern habe ich sehr zugeredet – wie das andere Eltern auch gemacht haben –, damit sie durch das System gehen. Was mich aber schon sehr traurig macht, ist, dass sie nicht gerne an ihre Schulzeit zurückdenken. Da gibt es teils richtige Aggressionen und Traumata.

Würden Sie so weit gehen, dass Sie sagen, man sollte gerne zur Schule gehen?

Wagenhofer: Die ideale Schule sollte so ausschauen, dass die Kinder weinen, wenn Ferien sind. Ein Ort, an dem die Kinder Subjekte sind und nicht Objekte, die herumgeschoben werden. Aber das hängt eben alles auch von den Lehrern ab. Auch in einer Schule, in der die Umstände schlecht sind, können begnadete Pädagogen drinsitzen, die versuchen, es ganz anders zu machen. Die Beziehungen eingehen mit den Schülern und sie nicht erziehen wollen. Die sagen, es ist super, dass du da bist. Schau, du bist so gut im Rechnen, konzentrier’ dich doch darauf.


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