„Einen Tritt in den Hintern“

Gegen das mörderische Diktat von Kapital, Konsum und Wachstum schreibt Ilija Trojanow in „Der überflüssige Mensch“ an: ein Gespräch über Empörung, Überwachung und die USA, die ihm die Einreise verwehrten.

Sie sprechen in Ihrem Essay „Der überflüssige Mensch“ von einem „Duktus der folgenlosen Empörung“, der sich eingebürgert hat. Und das, obwohl ja Autoren wie Sie oder auch Stéphane Hessel zur Empörung aufrufen oder aufgerufen haben.

Ilija Trojanow: Ich rufe überhaupt nicht zur Empörung auf, ich rufe zum Widerstand auf. Ich fand das Buch von Hessel auch nicht sehr ergiebig – auch wenn ich es toll fand, dass ein alter Mann diese Haltung hat. Aber Empörung ist für mich ehrlich gesagt keine Kategorie. Ich habe viele Jahre in Bombay gelebt, da leben Millionen von Menschen in den schlimmstmöglichen Zuständen. Die haben gar nicht den Luxus, sich empören zu können. Mich haben viele Leute besucht, waren empört, als sie das sahen, aber das hatte überhaupt keine Konsequenzen. Irgendwann hat sich ihre Empörung wieder gelegt.

Wie müsste dann also der Widerstand aussehen?

Trojanow: Es gibt unendlich viele Formen des Widerstandes und wir leben Gott sei Dank noch nicht in einer Gesellschaft, in der man verhaftet, schikaniert oder massiv mit dem Leben bedroht wird. Es gibt also eigentlich keine Entschuldigung, dass wir in dieser Gesellschaft keinen Widerstand leisten. Er reicht von den traditionellen Formen – sich politisch engagieren, demonstrieren, boykottieren – bis zu solchen Fragen, die ich im Buch anspreche und die sich erstaunlich wenige Menschen stellen: Was machen Sie mit Ihrem Geld? Ich treffe immer wieder Leute, die sozial engagiert und politisch kritisch sind. Und die haben dann ihr Geld bei einer der großen Banken. Und sich nie Gedanken darüber gemacht: Wo kann ich mein Geld hintun, damit es nicht das unterstützt, was ich ablehne? Ganz wichtig ist auch Aufklärung und Information: Jeder Mensch müsste so ein kleiner Motor der Aufklärung sein. Man merkt ja aber leider schon, wenn man mit dem Zug fährt, wie viele Menschen überhaupt nichts lesen, wie viele die Kronen Zeitung lesen. Und wie wenige ein halbwegs ehrliches Medienorgan oder ein Buch lesen.

Kürzlich wurde Ihnen trotz gültigen Visums die Einreise in die USA verwehrt. Nicht nur Sie selbst vermuten einen Zusammenhang mit Ihrer Kritik an der NSA-Überwachung – u. a. als Mitinitiator eines offenen Briefs an Angela Merkel.

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Trojanow: Ich habe nur darauf hingewiesen, dass es innerhalb dieser Entwicklungen ein kleines, aber doch relativ klares Beispiel für die Machtlosigkeit des Bürgers angesichts der Strukturen von Überwachung und Regulierung ist, die zunehmend anonym und uneinsichtig sind. Man weiß nicht, wieso entschieden wird. Es wird einem nicht erklärt, man kann nicht dagegen protestieren, man hat nicht einmal Kontakt zu der Behörde. Und es wäre völlig naiv zu glauben, dass diese enorme Überwachung, die nicht seit gestern stattfindet, sich nur gegen die paar tausend Terroristen richtet, die es weltweit gibt. Wir können beobachten, dass auch soziale Aktivisten, kritische Köpfe, Aufklärungsjournalisten ins Visier geraten. Das sind die Zusammenhänge.

Der ganz große Aufschrei über die NSA-Affäre ist ausgeblieben. Woran liegt das?

Trojanow: Die Menschen sind von der rasanten Entwicklung, auch der technischen, überrannt. Das Zweite ist, dass wir uns als Opfer nicht wahrnehmen. In irgendwelchen Verliesen werden unsere Daten gesammelt, aber es ist nicht so, dass jemand an der Tür klopft und uns Handschellen anlegt. Es ist eine relativ abstrakte Gefährdung, man spürt sie nicht, wie radioaktive Strahlen. Es braucht einen gewissen Ab­straktionsgrad, um zu verstehen, dass, wenn über jeden Bürger alle Daten gesammelt werden, die irgendwann auch genutzt werden. Offensichtlich muss der Mensch erst in den Hintern getreten werden, bevor er merkt, dass das eine Bedrohung ist. Wir haben generell eine politische Apathie: Eine Kombination aus dem, was man Politikverdrossenheit nennt und Wohlstandsbehäbigkeit. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass wir in einer freien Demokratie leben, dass wir denken, na wenn es draufsteht, wird’s schon auch drin sein. Das ist ein fatales Missverständnis. Freiheit kann man nicht institutionalisieren. Jede Generation muss sie sich erkämpfen bzw. verteidigen. In dem Maße, in dem man als Bürger und als Gesellschaft apathisch wird, sich nicht mehr um seine Rechte kümmert, in dem Maße nehmen große wirtschaftliche oder politische Interessen überhand und beginnen an diesen Rechten zu knabbern.

In Ihrem Essay beschreiben Sie Schiffbrüche aus früheren Jahrhunderten als Beispiel dafür, wie sich Eliten durchsetzen. Heute ertrinken vor den Augen der europäischen „Elite“ zu Hunderten Flüchtlinge vor Lampedusa ...

Trojanow: Bei dem Beispiel mit dem Floß der „Méduse“ geht es darum, dass man bei Schiffbrüchen tatsächlich die Situation hatte, dass auf einem Floß zu viele waren. Das heißt, die Frage, die wir oft theoretisch diskutieren – „Sind wir zu viele auf der Welt?“ –, hat sich tatsächlich gestellt. Und es ist interessant zu beobachten, was passiert, wenn diese Situation eintritt. Das Schlimme ist natürlich, dass sich die bestehenden Machtstrukturen durchsetzen: Man hat die Schwachen, die Proletarier, die Sklaven entweder über Bord geworfen oder aufgegessen, während diejenigen, die auf dem Schiff Elite waren, das auch auf dem Rettungsboot oder -floß geblieben sind. Bei den Flüchtlingen geht es auch um die Frage, wie sie eine Geschichte erzählen. Denn es wird ja gleichzeitig erzählt, dass wir zu wenige sind, das heißt, wer soll übermorgen unsere Renten zahlen? Wir haben es also oft mit konkurrierenden und sich widersprechenden Geschichten zu tun und die werden eingesetzt, je nachdem wie es gerade passt.

Das Gespräch führte Ivona Jelcic


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