Meer aus radioaktiven Atommüllsäcken lässt Normalität nicht zu

„Eine Rückkehr zur Normalität ist vor Ort nicht möglich“, erzählt Florian Kasser von Greenpeace. Er war mit einem Expertenteam kürzlich in Fukushima, um die Radioaktivität einer betroffenen Region zu messen. Mit der Tiroler Tageszeitung sprach er über seine Eindrücke.

Rund um die Katastrophenregion Fukushima stapeln sich unzählige Atommüllsäcke. Die Dekontaminierungsmaßnahmen sind umstritten.
© EPA/FRANCK ROBICHON

Innsbruck – Die beispiellose Atomkatastrophe von Fukushima beginnt am 11. März 2011 um 14:47 Uhr (Ortszeit). Auch mehr als zweieinhalb Jahre nach dem Super-GAU kämpft Japan mit den Folgen und der Dekontamination radioaktiv verstrahlter Gebiete. Zahlreiche Bürger leben noch in Notunterkünften und können womöglich nie in ihr Heim zurückkehren. Auch das Atomkraftwerk Fukushima bleibt weiter ein großes Problem.

Nahezu täglich dringen Meldungen von Pannen und Schwierigkeiten an die Öffentlichkeit. Derzeit sind gerade Experten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) vor Ort. Sie wollen die japanische Regierung bei den Dekontaminierungsarbeiten unterstützen. Die Tiroler Tageszeitung hat mit Greenpeace-Mitarbeiter Florian Kasser, der erst vor Kurzem in Japan tätig war, gesprochen.

Was macht Greenpeace gerade in Fukushima?

Florian Kasser: Wir waren vor zehn Tagen vor Ort und haben fast zwei Wochen lang Messungen durchgeführt. Insbesondere in der Region Tamura, westlich vom Fukushima-Reaktor, die von der radioaktiven Wolke betroffen war, aber nicht zu den am stärksten kontaminierten Gebieten gehört. In diesem Gebiet haben die japanischen Behörden große Dekontaminierungsarbeiten vorgenommen. Wir wollten überprüfen, was die Wirkung dieser Arbeit ist und ob die Empfehlung (der Regierung, Anm.), ins Gebiet zurückzukehren, angemessen ist.

Der Schweizer Greenpeace-Experte, Florian Kasser, sammelte in der Region Tamura u.a. Beeren ein, um deren Verstrahlung zu messen.
© Greenpeace/Noriko Hayashi

Was haben Sie festgestellt?

Kasser: Wir stellen fest, dass an den Stellen, wo dekontaminiert wurde, geringere Strahlenwerte gemessen werden. Das Problem ist, die Arbeiten werden zwar großflächig gemacht, aber es bleibt so eine Art ‚Inselarbeit‘. Es werden vor allem die Stellen rund um die Infrastruktur wie Gebäude, Häuser und Straßen dekontaminiert. Wenn man sich davon aber entfernt, dann steigen die Werte wieder. Es ist eigentlich weiterhin eine sehr schwierige Situation vor Ort und wir sind der Meinung, dass niemand gezwungen werden kann, dort zurückzukehren.

Nicht nur in der Region Tamura prägen schwarze Säcke voll Atommüll das Landschaftbild.
© Greenpeace/Noriko Hayashi

Gibt es so etwas wie Normalität in Fukushima? Die japanische Regierung propagiert diesen Zustand ja immer wieder.

Kasser: Nein, überhaupt nicht. Das sind Bestrebungen der Regierung, alles so darzustellen als sei alles in Ordnung. Wenn man vor Ort ist, merkt man, dass es dort keine Normalität gibt. Wir waren zwar nicht direkt am Atomkraftwerk, aber wir haben täglich Meldungen von Pannen, Lecks und Austritten von Radioaktivität gehört. Dort ist nichts unter Kontrolle. Und auch nicht in den kontaminierten Gebieten. Sie bleiben weiterhin schwer von Radioaktivität betroffen. Das Leben vor Ort ist weiterhin schwierig bis unmöglich. Es gibt Leute in der Bevölkerung, die eine Rückkehr wünschen – das sollte auch möglich sein, wenn es auf eigenen Wunsch und eigene Gefahr erfolgt. Aber problematisch ist, dass die Regierung die Leute zwingen will, in die Gebiete zurückzukehren, indem sie die Entschädigungszahlungen streicht. Das darf nicht sein.

Florian Kasser

Florian Kasser (*1979) studierte Umweltwissenschaften an der ETH Zürich mit den Schwerpunkten Biologie und erneuerbare Energien. Er arbeitet als Nuclear- und Energy-Campaigner bei Greenpeace Schweiz.

Greenpeace-Dossier zu Fukushima:

http://go.tt.com/17ZWDcR

Auf dem AKW-Gelände fangen riesige Tanks das für die Kühlung der Reaktoren benötigte Wasser auf.
© REUTERS/Kyodo

Japan ist weiter dabei, ganze Landstriche von Radioaktivität zu befreien. Doch Zwischenlager für den Atommüll gibt es weiterhin nicht. Wie gefährlich ist das und wie wirksam sind diese Maßnahmen?

Kasser: Die Dekontaminierungsmaßnahmen sind lokal und kurzzeitig sicher wirksam. Das konnten wir feststellen. Dort, wo die Erde abgetragen wurde, sinken die Werte. Aber es ist eine relative Abnahme, wir können nicht auf ursprüngliche Werte zurückkommen. Das ist nicht möglich. Deshalb bin ich sehr skeptisch was die Langzeitwirkung der Arbeiten anbelangt. Und ich muss betonen, dass wir jetzt in einem Gebiet waren, das nicht so stark betroffen war. In anderen Gebieten wird es, denke ich, sehr sehr schwierig sein, eine langfristige Wirkung zu erzielen.

In dem Atomkraftwerk in Fukushima kam es im März 2011 nach einem Erdbeben und einem Tsunami zur Katastrophe.
© KYODO

Wie sieht die Situation vor Ort aus?

Kasser: Zerstörte Häuser und Schäden vom Erdbeben habe ich nicht mehr gesehen. Aber die riesige Menge an Atommüll (Um Gebiete zu dekontaminieren, werden Erde, Blätter und Ähnliches abgetragen und in Müllsäcken gesammelt, Anm.) ist das sichtbare Zeichen dieser Katastrophe. Die Radioaktivität sieht man natürlich nicht. Es gibt aber überall diese Abfallsäcke – das ist sehr eindrucksvoll: Es sind Hunderttausende Säcke, die voll von radioaktiver Erde und organischem Material sind. Im Moment weiß man nicht, was man mit diesen Säcken machen soll. Die Behörden suchen eine zentrale Stelle für die Lagerung, aber niemand will dieses Zwischenlager auf dem eigenen Gemeindegebiet haben. Das ist eine große Herausforderung. Ich gehe davon aus, dass diese Säcke noch für Jahre, Jahrzehnte in der Landschaft liegen bleiben werden.

Steigt mit diesen Säcken nicht wieder die Gefahr, diese dekontaminierten Gebiete erneuter Radioaktivität auszusetzen?

Kasser: Absolut. Aus diesen Säcken könnte tatsächlich Radioaktivität austreten. Ich habe so einen Abfallhaufen direkt neben einer Schule gesehen. Es war für mich unverständlich, dass der Müll dort gelagert wird. Zudem wird es durch die Beschaffung dieser Gegend (Region Tamura, Anm.) zu einer Rekontaminierung kommen. Dort gibt es sehr viele Wälder oder auch Felder, die nicht dekontaminiert werden. Mit Wind und Regen werden radioaktive Partikel wieder auf die bereits dekontaminierten Flächen gelangen. Es ist also eigentlich eine Sisyphusarbeit und ich denke, in ein paar Jahren wird man wieder Dekontaminierungsarbeiten vor Ort vornehmen müssen.

Sie waren vor Ort. Würden Sie in den stark kontaminierten Gebieten arbeiten oder sogar leben wollen? Einige der betroffenen Japaner wollen ja auf ausdrücklichen Wunsch in ihre Häuser zurückkehren.

Kasser: Ich würde dort nicht leben und arbeiten wollen und würde auch den Leuten davon abraten, das zu machen - außer es erfolgt auf eigenen Wunsch. Es kommt auch auf die private Situation an. Mit Kindern würde ich niemals dort hingehen. Für meine Arbeit: Wir von Greenpeace sind sehr vorsichtig und wir versuchen die Aufenthaltsdauer zu minimieren, also so kurz wie möglich dort zu sein. Das Risiko, dem wir uns aussetzen, ist nicht vergleichbar mit demjenigen einer Person, die tagtäglich dort lebt. Für die Greenpeace-Arbeit nehme ich es deshalb in Kauf. Ich würde aber niemals, wenn ich dort gelebt hätte, zurückkehren wollen.

Tepco und die Behörden geben sich bezüglich Informationen sehr bedeckt. Gibt es von Greenpeace aus eine Zusammenarbeit mit Tepco oder den Behörden? Erhalten Sie zuverlässige Daten?

Kasser: Ich habe überhaupt kein Vertrauen in Tepco. Auch nach dem tatsächlichen Unfall haben sie im Krisenmanagement komplett versagt und sie versagen jetzt auch noch bei der Krisenbewältigung. Das Problem mit dem radioaktiven Wasser beim AKW ist ein Beweis dafür. Informationen zeigen, dass Tepco seit zwei Jahren von dem Problem mit dem Wasser weiß. Ich wünsche mir von der Regierung, dass sie viel stärker Druck auf Tepco ausübt. Ich habe das Gefühl, dass die Regierung mit Tepco und den AKW-Betreibern aber sehr schonend vorgeht. Das dürfte mit den Plänen der Regierung zusammenhängen, möglichst schnell die 48 zurzeit abgeschalteten Reaktoren wieder hochzufahren.

Immer wieder hörte man in der jüngsten Vergangenheit von Problemen und Pannen im havarierten AKW in Fukushima. Auch Sie haben es bereits angesprochen. Wie hoch schätzt Greenpeace die Gefahr ein und wie stark sind die Kontaminationen?

Kasser: Die Wasserkrise ist noch lange nicht abgeschlossen. Ich befürchte, dass es früher oder später zu einer offiziellen Einleitung von radioaktivem Wasser in den Pazifik kommen wird, weil diese vier beschädigten Reaktorblöcke weiterhin gekühlt werden müssen und sich damit weiter stark radioaktives Wasser ansammelt. Ich glaube, das ist im Moment das größte Problem und da sind wir noch nicht am Ende. Ich kann leider nicht ausschließen, dass es zu weiteren Pannen kommt und damit wieder zu radioaktiven Abgaben in die Luft, weil die Behebung der Schäden und der Rückbau des AKW nach Behördenschätzungen noch 40 Jahre dauern wird. Ich bin überzeugt, dass es sogar länger sein wird.

Das Problem mit radioaktivem Wasser haben wir bereits angesprochen. Tepco lagert mehr als 300.000 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser auf dem AKW-Gelände. Welche Risiken birgt das? Was bedeutet das für die dortige Bevölkerung und Umwelt? Wie sieht es mit Risiken für den Rest der Welt aus, wenn das Wasser in den Pazifik geleitet werden sollte?

Kasser: In erster Linie birgt es eine Gefahr für die dortige Umgebung, für Japan und die Staaten in unmittelbarer Nähe. Der Ozean ist so groß, dass die Verdünnung der Radioaktivität sehr stark sein wird. Man wird Radioaktivität überall im Meer nachweisen können, aber auf einem Niveau, das mit aktuellen Werten vergleichbar ist. Auch unabhängig von der Atomkatastrophe gibt es bereits eine Einleitung von radioaktivem Wasser an diversen Orten in der Welt, so auch in Frankreich oder England. Das andere Problem ist die Verbreitung der Radioaktivität in der Nahrungskette. Das hat Folgen für die Fischerei und den Fischverzehr. Es könnte durchaus möglich sein, das stark kontaminierte Fische auf dem Teller landen. Es werden zwar Kontrollen gemacht, es ist aber nicht möglich den ganzen Fang zu überprüfen.

Sie haben bereits Kritik an der japanischen Regierung anklingen lassen. Sind die Japaner mit der Atomkatastrophe überfordert? Zuletzt haben sie auch um internationale Unterstützung gebeten, Experten der IAEO sind derzeit auch vor Ort. Wächst Tokio das Problem über den Kopf?

Kasser: Sie sind überfordert. Vor allem am AKW-Standort selbst. Aber auch mit der ganzen Aufarbeitung der Katastrophe. Es ist für mich unfassbar, dass trotz dieser Katastrophe und der Versäumnisse der Atomindustrie, Politik und auch den Aufsichtsbehörden, man jetzt schon wieder stark auf Atomkraft setzen will. Ich bin pessimistisch: Der Druck, den die Regierung ausübt um die abgeschalteten Reaktoren wieder hochzufahren, ist inakzeptabel. Es zeugt von einem schlechten Umgang und auch einer schlechten Verarbeitung dieser Katastrophe. Die Lehren daraus wurden offensichtlich nicht gezogen.

Wie geht Greenpeace weiter vor?

Kasser: Wir werden weiter Daten erheben. Es ist ein Expertenwissen, das wir teilen möchten. Wir möchten unabhängig dokumentieren, wie die Situation vor Ort ist. Wir werden in Zukunft auch weiter unabhängige Messungen vornehmen. Wir klären gerade, welche Maßnahmen wir im Meer durchführen könnten. Bisher hat sich die Arbeit auf das Land konzentriert, vielleicht könnten wir auch Messungen im Meer machen.

An die Kritik werden sich sicher auch ihrerseits Forderungen anschließen. Was kann man sich wünschen oder was erwartet man von der Regierung?

Kasser: Bezüglich der Opfer der Katastrophe muss die Regierung wirklich alles machen, um die direkt Betroffenen zu unterstützen. Und im Zusammenhang mit den Messungen, die wir gerade durchgeführt haben: Die Regierung muss die Wahl offen lassen, ob eine Person zurückkehren will oder nicht. Es darf nicht sein, dass die Leute unter finanziellen Druck gesetzt werden, damit sie zurückkehren. Ein normales Leben ist dort nicht möglich. Wir haben mit einem Mann gesprochen, der zurückkehren wollte. Er hat uns erzählt, dass seine beruflichen Tätigkeiten vor Ort nicht mehr möglich sind, dass es kein soziales Netzwerk mehr gibt, weil keine Nachbarn da sind, auch keine Freunde oder Familie. Deshalb ist eine Rückkehr in die Normalität vor Ort nicht möglich.

Das Interview führte Deborah Darnhofer.


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