Kleine medizinische Nische mit großer Wirkung
Nach einem Jahr Vorbereitung startete gestern in Innsbruck das Projekt Medcare. Die Basisversorgung von Randgruppen steht hier im Zentrum.
Von Marco Witting
Innsbruck –Der Besuch einer Ambulanz kommt nicht in Frage. Sich mit den gesundheitlichen Beschwerden in die Ordination eines Arztes zu setzen, auch nicht. Warum? Aus Scham, aus finanziellen Nöten oder weil sie dort überhaupt nicht gerne gesehen werden. Menschen, die in Tirol in einer gesellschaftlichen Randgruppe leben, haben oft nicht einmal den Zugang zu einer minimalen medizinischen Basisversorgung. Die Caritas und das Rote Kreuz wollen das jetzt ändern.
„Medcare“ heißt das Projekt, das in den kommenden vier Jahren „einen möglichst niederschwelligen Zugang zu dieser Versorgung“ ermöglichen soll, wie es Rotkreuz-Chefarzt und Vizepräsident Thomas Fluckinger erklärte. Ähnliche Projekte gibt es schon in Graz und Wien. Und die Erfahrungen daraus zeigen, dass es vor allem um Infekte, Hauterkrankungen und Schmerzbehandlungen geht. Das Angebot werde sich in der Landeshauptstadt an einen Personenkreis von rund 400 Menschen richten. „Ich denke, wir werden im ersten Jahr rund 120 Menschen davon behandeln“, sagte Caritas-Direktor Georg Schärmer.
Jeweils Montagnachmittag sind die Ordinationsräume in der Nähe des Busbahnhofs in der Südbahnstraße für drei Stunden geöffnet. Ehrenamtliche Ärzte und Pfleger werden in dieser Zeit die Menschen behandeln und, wenn nötig, auch weitere Maßnahmen treffen – zusätzlich begleitet von Sozialarbeitern. Dazu wird jeden Freitag ein Rettungswagen den Vinzibus, der Essen an Hilfsbedürftige verteilt, begleiten. Auf diese Art will man den Menschen vor Ort helfen, Vertrauen aufbauen. Bei zunehmender Akzeptanz sollen die Zeiten von Medcare dann weiter ausgeweitet werden. Die Versorgung kann zudem auch anonym erfolgen.
Drei Personen werden stets vor Ort sein. Alle ehrenamtlich und unentgeltlich. Medikamente kommen aus dem Depot des Roten Kreuzes. Insgesamt fallen pro Monat rund 6000 Euro an Kosten an, die sich Land, Stadt Innsbruck und Gebietskrankenkasse teilen. Bei Letzterer hat man einige Kniffe gebraucht, um das Projekt auch rechtlich abzusichern.
Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg und Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer zeigten sich erfreut, dass die „letzte Lücke“ in der Gesundheitsversorgung damit geschlossen werden konnte. Caritas-Direktor Schärmer ist sicher, dass „die kleine Nische große Wirkung“ zeigen wird. Und er glaubt auch, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung groß sein wird. „Im Gegensatz zu sozialen Dienstleistungen, die manchmal unzulässigerweise mit den Kriterien von Schuld und Unschuld verknüpft werden, gesteht die Öffentlichkeit allen Menschen diese Basisversorgung zu.“
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