Literatur

Aus der Schreibstube ins TV-Studio

Mit Literatur auf Quotenjagd: In Italien startete am Sonntag die erste Casting-Show für angehende Autoren.

Innsbruck –Gemäß einer augenzwinkernden Maxime von Franz Schuh gilt man erst dann als Schriftsteller, wenn man ein Buch vorweisen kann. Bis zu diesem Zeitpunkt bleibt man – Talent hin oder her – ein Möchtegern mit Manuskript in der Schublade. Die italienische Castingshow „Masterpiece“ wendet sich an solche Möchtegern-Autoren, will aus einem von ihnen einen ernst zu nehmenden Schriftsteller machen. Dem Sieger des Castings winkt eine Veröffentlichung im Traditionsverlag Bompiani mit einer mehr als beachtlichen Startauflage von 100.000 Exemplaren.

Als Juroren hat die öffentlich-rechtliche RAI, deren drittes Programm „Masterpiece“ seit vergangenem Sonntag ausstrahlt, mit Giancarlo De Cataldo („Romanzo Criminale“), Andrea de Carlo („Zwei von zwei“) und Taiye Selasi („Diese Dinge geschehen nicht einfach so“) drei namhafte Schriftsteller engagiert. Nicht zuletzt deshalb wirkt „Masterpiece“ auf den ersten Blick wie eine optisch aufgemotzte Version des Klagenfurter Bachmann-Preises – und gehorcht doch dem Regelwerk zahlloser Casting-Shows. Es gibt rührselige Einspieler und der televisionären Dramaturgie geschuldete Creative-Writing-Herausforderungen. Auch die Kandidatenauswahl unterstreicht, dass hier mit der Show-Schmiede Freemant­lemedia („X-Factor“, „American Idol“) Casting-Profis am Werk sind. Schon in Folge eins konkurrieren Ex-Häftlinge mit den für derartige Formate typischen harmlosen Freaks, die sich ihr Scheitern an der Welt in manischen Schüben von der Seele schreiben. Beruhigend unaufgeregt ist im Gegensatz dazu die Jury. Man wolle Werbung für die Literatur machen, kündigte Juror de Carlo bereits im Vorfeld an. Dementsprechend sachlich ist die Auseinandersetzung mit den präsentierten Textauszügen. Quotenträchtige Polemiken sucht man hier vergebens.

Dass selbst der als experimentierfreudig geltende Sender Rai 3 dem Autoren-Casting nicht ganz vertraut, zeigt die vergleichsweise späte Programmierung. Die Vorrunden von „Masterpiece“ laufen jeweils sonntags um 22.50 Uhr und enden bei einer Laufzeit von beinahe zwei Stunden erst nach Mitternacht. Die rund 700.000 Zuschauer (Marktanteil: 5,14) der Auftaktsendung wertet man bei Rai 3 als Erfolg.

Erst mit den Finalrunden Anfang kommenden Jahres soll „Masterpiece“ live im Hauptabendprogramm ausgestrahlt werden. Dann wird auch das TV-Publikum über Italiens nächsten Literatur-Superstar abstimmen. (jole)