Das Ghetto als Kuranstalt
Claude Lanzmann zeigt in seinem Dokumentarfilm „Der Letzte der Ungerechten“, wie die Nazis eine Illusion inszenierten, und rehabilitiert damit einen Verdächtigen.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Als 1994 Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ in die Kinos kam, sandte der französische Autor und Regisseur Claude Lanzmann an alle großen Medien in Europa ein Statement, in dem er Spielbergs Film über den deutschen Unternehmer, der seine „Schindler-Juden“ vor der Vernichtung in Auschwitz rettete, als „kitschiges Machwerk“ kritisierte. „Ich habe in aller Bescheidenheit, aber auch voller Stolz geglaubt“, schrieb Lanzmann im März 1994, „dass es ein Vor und ein Nach von ,Shoah‘ gäbe, ich habe geglaubt, dass bestimmte Dinge nach ,Shoah‘ nicht mehr machbar wären“. Lanzmann konnte den Welterfolg von „Schindlers Liste“ damit nicht verhindern, während sein Dokumentarfilm „Shoah“ 1985 schon wegen der Länge nur in ausgewählten Kinos aufgeführt werden konnte.
Für ein Kapitel in „Shoah“ besuchte Lanzmann 1975 den in Rom lebenden Rabbiner Benjamin Murmelstein, der als letzter Vorsitzender des Judenrats von Theresienstadt der Vernichtung durch die Nazis entkommen konnte. Die Episode mit Murmelstein hätte „Shoah“ nicht nur auf eine Spielzeit von 13 Stunden verlängert, auch dramaturgisch lieferte der Ich-Erzähler Murmelstein explosives Material zur Trauerarbeit. Deshalb schenkte Lanzmann das Material dem Holocaust Memorial Museum in Washington. 37 Jahre später montierte Lanzmann die inzwischen digitalisierten und auf Deutsch geführten Gespräche mit aktuellen Erkundungen in Wien und unweit von Prag im ehemaligen Ghetto Theresienstadt zum Film „Der Letzte der Ungerechten“. Die „Gerechten“ sind jene wie Oskar Schindler, die jüdisches Leben gerettet haben und dafür in Israel mit dem Pflanzen eines Baumes geehrt wurden.
Benjamin Murmelstein wagte es nach der Befreiung von Theresienstadt nie, einen Fuß nach Israel zu setzen, wo ihm als Kollaborateur ein Prozess und die Todesstrafe drohten. 1961 wollte Murmelstein beim Prozess gegen Adolf Eichmann aussagen, doch sein Angebot wurde abgelehnt. Die Philosophin Hannah Arendt sah in Eichmann kein Monster, sondern einen „Hanswurst“. Daraus entwickelte die ehemalige Zionistin Arendt die These von der „Banalität des Bösen“. Das sei Blödsinn, sagt Murmelstein zu Lanzmann, Eichmann, der sich im Prozess als Philosemit darstellen durfte, „war ein Dämon“. Der Mystikforscher Gershom Sholem forderte Eichmanns Begnadigung und dafür die Hinrichtung Murmelsteins.
Auch Lanzmann begegnet 1975 dem alten Herrn zuerst forsch, wenn nicht gar aggressiv. Murmelstein (1905–1989) war bei der Machtübernahme der Nazis Rabbiner in Wien und konnte bei mehreren Reisen nach London 120.000 österreichische Juden retten. Die Frage, warum er sich nicht in Sicherheit gebracht habe, beantwortet Murmelstein mit „Abenteuerlust“. 1941 wurde das „Vorzeigeghetto“ Theresienstadt errichtet. Für die Welt und einen Film („Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“) sollte die Illusion einer jüdischen Kuranstalt inszeniert werden. Und Murmelstein wurde zum Regisseur dieser Illusion. Nach der Hinrichtung seiner Vorgänger wurde er 1944 zum letzten „Judenältesten“ ernannt. Murmelstein organisierte eine „Verschönerungsaktion“ des Ghettos, denn „solange die Nazis an dieser Illusion festhalten, brauchen sie auch uns, die Juden“. So schmerzhaft und absurd kann Geschichte sein.
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