Skispringen

Schlierenzauer: „Privilegien habe ich mir verdient“

Am Samstag (Team) und Sonntag (Einzel) erfolgt in Klingenthal (GER) der Auftakt zum Skisprung-Weltcup. Tirols Überflieger Gregor Schlierenzauer (23) beschritt in seiner Vorbereitung eigene Wege.

Sie hatten in sieben Weltcupsaisonen keinen Durchhänger. Warum ist heuer mit Ihnen zu rechnen?

Gregor Schlierenzauer: Weil ich meine Hausaufgaben im Sommer sehr gut gemacht habe und weil ich eben in der Vergangenheit nicht unerfolgreich war (lacht). Außerdem arbeite ich diesen Winter auf ein sehr großes Ziel hin ...

Einzel-Gold bei den Winterspielen in Sotschi?

Ich habe alles schon erlebt und erreicht – bis auf Olympia-Gold.
Gregor Schlierenzauer

Schlierenzauer: Die Einzel-Goldmedaille fehlt noch in meiner Erfolgssammlung. Das eigentliche Ziel heißt jedoch: in Topform zu den Spielen zu reisen. Was dann in Russland passiert, steht in den Sternen. Denn am Tag X muss einfach alles passen. Bei Olympia kann es noch so stürmen, der Wettkampf dort wird meistens durchgedrückt. Von dem her darf man sich nicht zu viel erwarten, der Weg dorthin ist das große Ziel.

Haben Sie sich deswegen selbstständig bezüglich Ihrer Trainingsgruppe gemacht?

Schlierenzauer: Selbstständig ist der falsche Ausdruck, weil meine Trainer beim Österreichischen Skiverband angestellt sind. [...] Natürlich ist es ein Riesenprivileg, das Ganze auch vom Verband gestellt zu bekommen, das ist nicht selbstverständlich. Das zeigt aber auch, dass ich mir das durch die gewaltigen Erfolge in den vergangenen Jahren verdient habe. Es ist ein Unterschied, ob man 50 Welt-cupsiege hat oder teilweise noch gar keinen oder nur fünf. Deswegen habe ich auch ein paar Privilegien mehr.

Mit diesem Schritt haben Sie sich jedoch auch etwas aus dem Team herausgenommen, in dem es vergangenes Jahr nach Ihrer Aussage Ärger gab.

Schlierenzauer: Es hatte aber mit dem Team nichts zu tun. Ich konzentriere mich auf mich. Es gibt nach der Saison Analysen, in denen man erkennt, in welchen Bereichen man Nachholbedarf gegenüber anderen Nationen hat, und dann muss man die richtigen Schritte setzen. Ich kann jetzt flexibel trainieren, also nach meinem jeweiligen Stand, und muss nichts mehr planen.

Was bringt Ihnen das?

Schlierenzauer: Wenn man so viel gewonnen hat wie ich, ist es nicht einfach, immer oben zu bleiben. Ich denke, dass man für Olympia sehr flexibel sein muss, also mehr in sich reinhört, was vom Training reinpasst. Ich konnte so mehr Auszeiten setzen.

..., weil die Termine durch die Erfolge zugenommen haben. Sie waren mit dem ORF am Olymp, zudem reisten ausländische Teams extra für Interviews an.

Schlierenzauer: Es ist schön, auch in anderen Ländern die Aufmerksamkeit zu haben, und es macht mich auch ein bisschen stolz.

Im Blickpunkt steht heuer auch Janne Ahonen. Der Rekord-Tourneesieger feiert sein zweites Comeback, im Sommer ist er gut gesprungen. Müssen Sie Ihre Aussage bezüglich das wäre ein PR-Gag revidieren?

Schlierenzauer: Ich habe Ahonen immer höchsten Respekt gezollt. Ich finde es nur interessant zu sehen, dass er zwei Mal zurücktritt und jeweils wieder ein Comeback gibt. Warum tut er das?

Was meinen Sie?

Skisprung-Splitter

Comeback: 25 Jahre war die Sporthandels-Verbundgruppe Intersport Hauptsponsor und Namensgeber der Vierschanzentournee. Nach 16 Jahren Pause kehrt die Kette wieder zum traditionellen Fixpunkt der Springerszene zurück.

Chancenlos:

Skisprung-Legende Martin Schmitt muss seinen Traum von Olympischen Winterspielen in Sotschi wohl begraben. Der viermalige Weltmeister steht nicht im deutschen A-Kader für den Weltcup-Auftakt am Wochenende in Klingenthal (GER). Zwischenfazit seines österreichischen Trainers Werner Schuster: „Ihm fehlt die Konstanz.“

Co-Trainer:

Neben Alexander Diess fungiert mit dem Ex-Springer Andreas Widhölzl ab diesem Jahr ein zweiter Co-Trainer an der Seite von Alexander Pointner. Von seinem Amt als Fernseh-Experte musste sich der Fieberbrunner trennen.

Dauerbrenner:

„Oldie“ Wolfgang Loitzl startet heuer in seine 17. Saison.

Schlierenzauer: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob es wirklich der Drang ist, noch einmal zurückzukommen. Natürlich hat er keine Einzel-Olympiamedaille, vielleicht will er es deswegen noch einmal allen beweisen.

Könnten Sie sich so ein Comeback vorstellen?

Schlierenzauer: Ich weiß nicht, aber eher nicht.

Aber Sie sprachen schon einmal davon, sich mal eine Auszeit zu nehmen.

Schlierenzauer: Das ist ein Bauchgefühl. Ich habe alles schon erlebt und erreicht – bis auf Olympia-Gold. Es ist nicht einfach, immer die Motivation zu haben und sehr viel zu tun. Ich kann mir deswegen vorstellen, einen Sommer nicht zu springen und mich im Winter auf etwas gezielt vorzubereiten. Aber das funktioniert nur, wenn die Konkurrenz im eigenen Team nicht so groß ist. Und da ich ein sehr ehrgeiziger Typ bin, würde ich es nur machen, wenn ich mir sicher bin, dass es funktioniert.

Sie haben Ihre Anhänger auf der Homepage zum Urnengang bei der letzten Wahl aufgerufen. Warum?

Schlierenzauer: Offiziell halte ich mich aus der Politik raus, aber Gedanken habe ich mir schon immer gemacht. Wählen ist wichtig. Dieses Jahr haben die Medien erstmals die Zeit bis zur Wahl sehr gut präsentiert. Sachlich gezeigt, wer für was ist. Das hat es meiner Meinung nach früher nicht so gegeben. Deswegen taten sich speziell die jungen Leute schwer mit dem Wählen. Jetzt tut sich so einer, wie ich es bin, also jemand, der nur sportfanatisch ist und sich weniger auskennt, auch leichter.

Auch mit Ihrer Aktion „Reinwerfen statt wegwerfen“ nehmen Sie eine Vorbildfunktion ein.

Schlierenzauer: Das ist auch etwas anderes. Ich komme einfach sehr viel um die Welt, sehe, wie die Menschen teilweise erschreckend mit dem Müll umgehen. Wir müssen auf den Planeten schauen. In Österreich geht es uns verdammt gut. Wenn jeder einen Teil dazu beitragen kann, dass der Planet sauber bleibt, dann stehe ich für das, weil mir das wichtig ist. Weil ich naturverbunden bin.

Hier sind Sie ein Star, auf Ihrer Urlaubsinsel Jamaika heißt der Superstar Usain Bolt (Sprinter, Anm.).

Schlierenzauer: Schon am Flughafen sind Riesen-Werbetafeln. Er ist der Hero.

Was fasziniert Sie an ihm?

Schlierenzauer: Wie locker er vor einem Wettkampf ist, wie er mit den Medien spielt und trotzdem auf den Punkt fokussiert und überlegen ist.

Hätten Sie diese Lockerheit gerne?

Schlierenzauer: Das ist eine Typ- und Mentalitätsfrage. In Jamaika sind die Menschen viel lockerer. Bolt ist so aufgewachsen. Bezüglich der Medien bin ich kein Kimi Räi­k- ­könen, aber auch kein Boris Becker (lacht).

Setzen Sie im Winter auf die Ruhe eines Einzelzimmers?

Schlierenzauer: Ich habe beides schon gelebt, Einzel- und Doppelzimmer. Aber ich bin ein Familienmensch und mir ist Harmonie wichtig. Wenn es jedem gut geht, dann geht es mir meistens auch gut und das spiegelt sich nicht nur in der Familie wider, sondern auch im Team. Deswegen mag ich das Doppelzimmer lieber, weil man es lustiger hat. Da vergeht die Zeit auch schneller. Das ist schon sehr wertvoll, wenn man einen coolen Zimmerkollegen hat, mit dem man abseits der Schanze seinen Spaß hat.

Sie teilen sich das Zimmer meist mit Michael Hayböck, früher war es Andreas Kofler. Wissen Sie eigentlich, warum er Ihre Trainingsgruppe verlassen hat?

Schlierenzauer: Nein, ich weiß nicht, warum. Es ist ja keiner gezwungen, mit jemandem zusammenzuarbeiten. Mir hat der Erfolg Recht gegeben, dass ich am Stützpunkt sehr intensiv trainiere. Jeder ist seines Glückes Schmied.

Das Gespräch führte Susann Frank