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Die Spielwiese der Düsentriebe

Futuristische Studien, gewagte Experimente und viel Zukunftsmusik. Die 43. Tokyo Motor Show ist eine Spielwiese für kreative Köpfe und ein Heimspiel für die japanischen Hersteller.

Von Walter Schrott

Tokyo –Die Automobilindustrie hat schon bessere Zeiten gesehen. Vor allem die Japan-Marken haben – ungeachtet ihrer großen Innovationskraft und attraktiver Modelle – immer wieder mit dem Yen-Kurs zu kämpfen. Doch die 43. Tokyo Motor Show liefert den Beweis: Der Lack ist deshalb noch lange nicht ab im Land der aufgehenden Sonne. Zwar kann man in den Hallen an der Tokyo Waterfront nur eine Handvoll serienreifer und aktuell für den europäischen Markt relevanter Modelle bewundern, die Zukunftsmusik aber klingt vielversprechend. Die großen japanischen Hersteller setzen im Zeichen der weltweit ständig schärfer werdenden Umweltgesetze verstärkt auf alternative Antriebe und orientieren sich dabei in alle Richtungen.

Toyota, nach wie vor der größte Automobilhersteller der Welt, läutet im Rennen um das erste Serienauto mit Brennstoffzellenantrieb die nächste Runde ein und scheint die Nase vorn zu haben. Schon 2015 soll der FCV Concept in Serie gehen. Der wasserstoffbetriebene Motor leistet dann 136 PS und soll eine Reichweite von 500 Kilometern ermöglichen. Mit 4,90 Metern Länge positioniert sich der Saubermann in der Oberklasse. Ebenfalls seriennah und vermutlich schon im kommenden Jahr in den japanischen Verkaufsräumen: der Openair-Sportler FT86, für den ein 2.0-Liter-Benziner und ein 1.8-Liter-Vollhybrid geplant sind. Eher in die Sparte Science Fiction fällt die Studie FV2, ein Einsitzer mit zigarrenförmigem Rumpf, der nicht per Lenkrad, sondern mit Körperbewegungen gesteuert wird. Nostalgisch angehaucht ist das Showcar Japan Taxi, das den traditionellen Londoner Taxis nachempfunden ist.

Mit den Modellen CX-5, Mazda6 und Mazda3 sowie der umweltfreundlichen Skyactiv-Technologie hat die in Österreich besonders beliebte Marke zuletzt weltweit für Furore gesorgt. Der hochverdichtete Benziner aus diesen Modellreihen ist die ideale Basis für einen Erdgasantrieb, den Mazda in Tokyo präsentiert. Für Europa noch wichtiger und alles andere als Zukunftsmusik ist der Mazda3 Hybrid. Die Technikprofis aus Hiroshima kombinieren dabei einen eigens entwickelten 2.0-Liter-Benziner mit einem Elektromotor. Europastart für Mazdas erstes Hybridmodell dürfte 2015 sein. Der Mazda6 Concept liefert neue Ideen zum Thema Sicherheit. Unter anderem ein System, das eine Kommunikation zwischen Fahrzeug und Autobahn ermöglichen und die Sicherheit erhöhen soll.

Honda zeigt mit der Studie S660 Concept einen Flitzer, der schon seriennah auftritt und nur in Japan angeboten werden soll. Schade, denn der kleine Sportler würde zweifellos auch bei den Europäern gut ankommen. Absolut in der finalen Entwicklungsphase dagegen befindet sich der Urban Concept. Das unterhalb des CR-V angesiedelte Kompakt-SUV (Gegner sind Opel Mokka und Co.) mit ausgesprochen dynamischem Design wird noch heuer in Japan starten und im kommenden Jahr auch auf die Straßen der restlichen Welt rollen. Japan-Premiere feiert in Tokio der aufregende NSX Concept, der Nachfolger des Supersportwagens NSX. Er soll die sportliche Tradition der Marke fortsetzen. Hondas Messeauftritt wird vom neuen Accord Plugin-Hybrid und einigen Showcars abgerundet.

„Klein, aber oho“ lautet die Devise bei Suzuki. Der japanische Kleinwagenspezialist präsentiert gleich vier Studien, allesamt im boomenden Crossover-Segment angesiedelt. Der Crosshiker, eine Mixtur aus Mini-SUV und Coupé, bringt nur schlappe 800 Kilo auf die Waage und könnte sich künftig vor allem im Großstadtdschungel bewähren. Die Studie Hustler mit ihrer betont kantigen Architektur verspricht ein üppiges Platzangebot und hohe Variabilität und deutet klar auf die nächste Generation des kleinen MPV Wagon R hin. Das Showcar X-Lander gilt als Vorbote des längst fälligen Jimny-Nachfolgers. Mit dem bereits in Frankfurt erstmals enthüllten Concept iV-4 zeigt Suzuki die seriennahe Version des neuen Vitara.

Nissan verzichtet auf die Präsentation des in London vorgestellten Qashqai-Nachfolgers, daher übernimmt die Serienversion des neuen X-Trail die Hauptrolle. Sie startet noch heuer in Japan und kommt 2014 nach Europa. Der absolute Hingucker am Nissan-Stand aber ist die Studie BladeGlider, ein aufregender Roadster mit drei Sitzen und Elektroantrieb, dessen Designer sich von Segelflugzeugen inspirieren haben lassen. Die heiße Nismo-Version des Sportwagens GTR soll 2016 in die Serienproduktion gehen. Angeblich mit einem 600-PS-Triebwerk unter der Haube.

Mit mehreren Crossover-Hybrid-Studien zeigt Mitsubishi Flagge. Auf Leistung getrimmt ist die Studie Concept GC-PHEV. Ein 3.0-Liter- V6-Benziner wird im Fullsize-SUV (Pajero-Nachfolger?) von einem Elektromotor unterstützt. Dank der neuesten Plug-in-Technologie können die Batterien problemlos an der Steckdose aufgeladen werden. Die rein elektrische Reichweite wird dadurch erhöht. Gleiches gilt auch für den Concept XV-PHEV, der beim Verbrennungsmotor mit einem 1,1-Liter-Turbo auskommt und die Rolle des Sparmeisters übernimmt. Mit attraktivem Design beeindruckt die Studie AR (Active Runabout). Diesen Mischling aus Kompakt-SUV und MPV – er gilt als Nachfolger des erfolgreichen ASX – könnte man ruhig unverändert in die Serienproduktion schicken.

Es ist nicht zu übersehen beim Spaziergang durch die Hallen der Tokyo Motor Show 2013: Die japanischen Autobauer geben erneut ein starkes Lebenszeichen von sich. Abseits der erwarteten Verspieltheit der fernöstlichen Düsentriebe, die sich in mitunter skurrilen Fahrzeugstudien dokumentiert, reifen vielversprechende Technologien und Serien-Modelle heran, die in der automobilen Welt von morgen eine große Rolle spielen dürften.