Gesellschaft

Willi heißt jetzt Jack

Willi Abolis hat ein Buch mit Gedichten und Fotos veröffentlicht. Eine beachtliche Leistung, schließlich käme der Innsbrucker ohne fremde Hilfe sonst nur schlecht zurecht.

Von Kathrin Siller

Innsbruck –Willi Abolis öffnet die Haustür, strahlt übers ganze Gesicht und bittet mit einer ausladenden Geste in seine Wohnung. Er trägt einen hellblauen Anzug, Panamahut und ein tadelloses Aftershave. Wir setzen uns an den Tisch im Wohnzimmer, flankiert von Vitrinen mit altem Porzellan und mit Blick auf die Kakteensammlung auf dem Fensterbrett. Sofort verweist der Gastgeber auf seine beachtliche CD-Kollektion – sorgfältig nach Genres geordnet in Regalen an der Wand. „Ich bin ein Riesenfan von Cliff Richards“, bekennt der 55-jährige Innsbrucker.

Ziel des Besuchs ist aber kein Plausch über Abolis’ Musikgeschmack, sondern etwas ganz anderes. Der überzeugte Tiroler schreibt Gedichte. Gedichte im Dialekt. Dafür hat er sich einen Künstlernamen zugelegt: Jack Cartwright, eine Figur aus der Westernserie „Bonanza“, die den Verseschmieder beeindruckt hat.

Gestern hat Abolis alias Jack sein zweites Buch vorgestellt. Das ist umso bemerkenswerter, da der Mann an einer Lernschwäche leidet und in vielen Bereichen des Lebens Hilfe braucht. Drei Mal pro Woche bekommt er Besuch von Mitarbeitern des MOHI. „Sie helfen mir beim Kochen, Zusammenräumen, bei Arztterminen oder in Geldangelegenheiten. Denn Schulden machen mag ich nicht. Das ist wie ein tiefer Sog, der dich hineinreißt“, ist er überzeugt.

Seine Betreuer nehmen ihn auch auf Ausflüge mit. „Ich nenne uns die ,special group‘. Zu fünft fahren wir im Tiroler Landl herum“, verrät er. Es sind Spritztouren, die die Phantasie anregen. „Für neue Texte brauche ich eine neue Gegend“, erzählt Abolis, der auch beruflich viel am Weg ist. Bei seinem 20-Stunden-Job bei der Lebenshilfe für das Projekt „Ökobox“ kurvt er immer dienstags und freitags durch Innsbruck und sammelt Tetrapaks ein.

Der Inhalt seiner Verse dreht sich aber weder um Privates noch Berufliches. Seine Lieblingsthemen: Bauern, Tiere („Ich schreib’ viel über die Spatzenwelt“), Tiroler Land und Leute. Sagt’s und verschwindet im Nebenraum, um mit seinem Liebling im Arm zurückzukommen: Boppi, ein uralter Zwerghase. In einem großen Käfig hat der Nager einen Ehrenplatz neben dem Bett seines Besitzers bekommen. Boppis Vorgänger sind in einer Ahnengalerie an der Wohnzimmerwand verewigt, drei von ihnen wurden sogar in ausgestopfter Form für die Ewigkeit konserviert.

Aber zurück zu seinem Steckenpferd, der Poesie. „Schreiben wollte ich schon als Kind“, erklärt Abolis. „Aber es ist immer etwas dazwischengekommen.“ Die MOHI-Betreuer haben ihn schließlich zum Dichten ermutigt und vor gut drei Jahren sein erstes Buch herausgebracht. „Wia Tiroler leben“ heißt nun Werk Nummer zwei. Die Gedichte tragen Titel wie „Wenn Glocken leuten“, „Der freche Spatz schaut zua“ oder „Schrait der kloana Bauern Buha“.

Der Dialekt bedeutet ihm viel. „Damit kann ich Gefühle viel besser ausdrücken.“ Beim Schreiben zählt die Tagesform: „Es kann sein, dass mir ein bestimmter Satz in den Sinn kommt, dann schreib’ ich ihn nieder. Oftmals lass’ ich die Texte liegen, hole sie wieder heraus. Und manchmal fällt mir auch eine Zeitlang gar nichts ein.“

Notizen macht er sich per Hand, mit einer alten Schreibmaschine tippt er die Verse ins Reine. „Das mit dem Computer werde ich wohl nicht mehr lernen“, schmunzelt der Poet. Dafür hat er sein Erspartes in eine neue Spiegelreflexkamera investiert. Stolz holt er sie hervor – sie thront auf einer Couch voller Stofftiere. „Ich brauch’ ein bissl Sonnenschein und Wärme, dann ziehe ich los.“ Die Fotos von Tieren oder alten Bauernhäusern schmücken seine Bücher.

Das Gespräch wird von plötzlichem Telefonklingeln unterbrochen. Am Apparat sind Abolis’ Eltern, die in Garmisch leben. Sie haben soeben sein neues Buch aus dem Postkasten geholt und eine „Mordsgaudi damit“, wie der Dichter nach dem Auflegen versichert. Von Kritikern ließ sich der Innsbrucker übrigens nie beeinflussen: „Wenn einer ein Buch schreiben will, dann darf er sich von nichts und niemandem drausbringen lassen“, sagt er feierlich und drückt wie zur Bestätigung sein Buch an die Brust.