Gesundheit

Warum Kirchgänger länger leben & keinen Weihnachtsstress haben

Weihnachten bedeutet für viele Stress und Stress macht krank, sagt der Mediziner und Psychologe Christian Schubert von der Medizinischen Universität Innsbruck. Nicht nur entspannter sondern auch wesentlich länger leben laut einer US-Studie Kirchgänger.

Innsbruck – Die Vorweihnachtszeit bricht immer früher an, manche klagen dieser Tage über Stress. Kann uns Weihnachten krank machen?

Christian Schubert: Unser Leben in der westlichen Zivilisation wird grundsätzlich immer stressiger, da fußen solche Feste auf einem stärkerem Belastungshintergrund. Wir haben hier einen klaren Wirkfaktor. Gerade in einer Zeit, in der unser Immunsystem durch Umweltfaktoren stärker gefordert ist, durch die Kälte, den Winter oder Viren, wirken solche Stressoren (Stressfaktoren, Anm.) besonders. Ein Beziehungsstressor, der auch noch kulturell so stark eingebettet ist wie das Weihnachtsfest, ist ganz ein starker Belastungsfaktor. Und wenn dieser zwei Monate auf einen niederprasselt, dann ist es ohne weiteres denkbar, dasshier entsprechende Krankheiten ausbrechen.

Sie leiten das Labor für Psychoneuroimmunologie an der Universitäts-Klinik für Medizinische Psychologie. Wie sehen ihre Studien zu Stress aus?

Wir gehen bei unseren Untersuchungen sehr ins Detail. Wir interviewen Menschen speziell um die Weihnachtszeit herum, und versuchen vor dem jeweils individuellen Hintergrund herauszufinden, ob Weihnachten, so wie es diese Person erlebt, einen Einfluss auf die Immunologie, auf das Hormonsystem, auf das Stresssystem hat. Weihnachten kann ein so starker Stressor sein, dass er im Immunsystem Veränderungen auslöst, die krankmachend sein können.

Weihnachten ist ein religiöses Fest und laut einer US-Studie leben Kirchgänger um 25 Prozent länger als solche, die nicht in die Kirche gehen. Wie kommt man zu solch einem Ergebnis?

Schubert: Es wurden Entzündungsparameter bei älteren Menschen, Kirchgängern und Nichtkirchgängern, bestimmt. Entzündungsparameter können ganz gefährlich sein. Sind sie im Blut für längere Zeit aufgrund von chronischen Infektionen, Gastritis, Bronchitis oder Zahnfleischentzündungen erhöht, dann führen sie zu schweren Entzündungserkrankungen. Je häufiger die Leute in die Kirche gingen, desto geringer war ein bestimmter Entzündungsparameter im Blut. Nach sechs Jahren waren viele der Menschen, die oft in die Kirche gingen, noch lebend anzutreffen, während die Nichtkirchgänger häufig nicht mehr lebten. Faktoren wie regelmäßig in die Kirche gehen mag besonders für Menschen wichtig sein, die im Leben schweren Belastungen ausgesetzt waren. Wir wissen heute auch, dass schwerer Stress oder Traumatisierungen in der Kindheit, wie wir sie etwa von den furchtbaren Fällen an der Innsbrucker Kinderbeobachtungsstation kennen, einen absolut lebensverkürzenden Einfluss haben. Diese Menschen haben eine erhöhte Wahrscheinlichkeit an schweren Entzündungskrankheiten zu erkranken und früher zu sterben. Es wird von seelischen Traumatisierungen geredet, aber dass das Menschen umbringt, wird selten diskutiert.

Was sind die lebensverlängernden Faktoren bei Kirchgängern?

Schubert: Es gibt manche, die sagen, das ist der Glaube, die Spiritualität. Es gibt freilich auch den meditativen Aspekt, das Abgeben von Verantwortung, ein Entstressen der Alltagsrealität. Man hat diese Menschen auch psychologisch untersucht und herausgefunden, dass sie weniger krank sind, weniger Angst haben, weniger Depressionen. Kirchgänger gehen meist auch selbstverantwortlicher mit ihrer Existenz um, sie achten auf ihre Gesundheit.

Die Kirche bietet zudem auch Struktur und ein soziales Netz?

Schubert: Viele Studien der Psychosomatik und der Neuroimmunologie haben letztlich eine große Botschaft. Menschen, die gerne mit anderen Menschen zusammen sind, die Freude haben im Kontakt mit anderen, die weniger Angst haben, die Beziehung nicht meiden, sich emotional ausdrücken können, das sind die Menschen, die ein langes Leben haben. Und das sind auch jene, die gerne in die Kirche gehen. Sie suchen ja auch eine soziale Interaktion, zum Beispiel gehen viele nach der Kirche ins Gasthaus.

Könnte man im Hinblick auf die Weihnachtszeit sagen, dass Menschen, die das Religiöse des Festes in den Vordergrund stellen, ungestresster durch diese Zeit kommen?

Schubert: Man könnte den Schluss ziehen, dass Jene, die es schaffen, dem Sinn und dem Bedeutungsgehalt des Weihnachtsfestes noch am ehesten zu entsprechen auch weniger gestresst sind. Es wäre sicher ein wesentlicher Aspekt in jeder Form zu reduzieren, grad wenn es um die Weihnachtszeit geht.

Was empfehlen sie Nichtkirchgängern gegen Weihnachtsstress?

Schubert: Reduktion auf das Wesentliche, das kann man in mehrfacher Hinsicht tun. Etwa nicht zu jedem Fest oder Treffen hasten, nicht zehn verschiedene Sorten Kekse backen, Perfektionismus vermeiden, Arbeiten delegieren. Und dass man Erwartungen von anderen hinterfragt und selber sagt, was man eigentlich will. Wenn der Mensch nicht mehr im Mittelpunkt steht, wenn Bedeutung und Beziehung nicht mehr Thema sind, dann ist das kontraproduktiv. Und bei den gerade zur Weihnachtszeit dominanten marktwirtschaftlichen Interessen spielen Beziehung und Bedeutung keine Rolle mehr. Werbung und Filme wecken Trugbilder und Illusionen, die viele meinen bedienen zu müssen. Dabei wollen manche Leute einfach ihre Ruhe haben, sie wollen Besinnlichkeit.Die Fragen stellte Silvana Resch