Ein Dreamteam am Kochtopf
Anna Heis und Jarka Šimkovicová könnten unterschiedlicher nicht sein. Trotzdem haben die Koch-Liebhaberinnen zusammen ein beispielloses Projekt auf die Beine gestellt.
Von Kathrin Siller
Innsbruck –Es ist schon erstaunlich, welche Zufälle manchmal die richtigen Leute zusammenbringen. Die Begegnung von Anna Heis aus Innsbruck und Jarka Šimkovicová aus dem kleinen Nest Mankovce in der westlichen Slowakei war anfangs vor allem das Ergebnis einer Notsituation: Jarka hatte gerade ihre Krankenschwesterausbildung abgeschlossen, aber in ihrer Heimat keine Arbeit gefunden. Anna Heis und ihre zwei erwachsenen Kinder suchten verzweifelt eine 24-Stunden-Pflegerin für ihren schwer kranken Mann.
So traf sich, was sich treffen musste. Jarka ist mittlerweile seit einer kleinen Ewigkeit in Tirol. „Sie gehört zur Familie“, sagt Tochter Elisabeth Heis. „Jarkas Familie war schon einmal bei uns und wir schon einmal in der Slowakei. Es ist eine schöne Freundschaft entstanden.“ Seit dem Tod des Vaters betreut die 30-jährige Jarka nun Witwe Anna. Die 87-Jährige ist nach einem Oberschenkelhalsbruch nur noch eingeschränkt mobil, außerdem kann sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr gut sehen.
Ihre körperlichen Defizite macht sie dafür mit einem blitzhellen Geist wett. Begeistert erzählt die alte Dame von ihren täglichen Gedächtnisübungen. Zudem liest Jarka ihrer „Omi“, wie sie Anna liebevoll nennt, zwecks Gehirntraining die Zeitung vor.
Anna Heis’ große Liebe gilt aber dem Kochen. Wenn sie davon zu sprechen beginnt, leuchten ihre Augen, als wäre sie frisch verliebt: „Das Kochen war immer meine Lieblingsbeschäftigung. Gegessen wurde einfach: heimische Produkte, Gemüse aus meinem Garten, Kräuter. Was nicht heißt, dass mir eine Pizza nicht auch schmeckt“, lacht sie schelmisch.
Aus dieser Freude für lukullische Genüsse entstand in monatelanger Arbeit Anna Heis’ Lebenswerk: ein Kochbuch mit Rezepten einfacher Tiroler Hausmannskost – von der Brennsuppe über gebratene Forelle oder ein Tiroler Gröstl bis hin zum Topfenauflauf. Eine solche Rezeptesammlung wäre an sich ja noch nichts Bahnbrechendes. Allerdings lebt in Heis’ Haushalt ja noch eine gleichberechtigte Köchin: Jarka. Gemeinsam entschlossen sich die beiden, alle Tiroler Rezepte ins Slowakische zu übersetzen. „Das war gar nicht so leicht“, erinnert sich die Pflegekraft. „Ich hatte zwar ein Wörterbuch, aber bei der Grammatik musste ich mich doch hin und wieder mit meiner Mutter beraten.“
Das Kochbuch ist also nicht bloß eine Auslese klassischer Tiroler Speisen, sondern vor allem ein Service für Pflegerinnen, die zu einem großen Teil aus der Slowakei nach Tirol kommen. Damit hilfsbedürftige Senioren ihre Lust am Leben behalten, sollten sie Mahlzeiten bekommen, die sie kennen und lieben. Aber wie soll eine Pflegerin Spinatknödel oder einen Scheiterhaufen zubereiten, wenn sie kein Deutsch lesen kann?
Anna Heis weiß auf jeden Fall, warum bei ihr nichts über die einfache Tiroler Kost geht: „Der Vorteil daran ist doch, dass ich vor dem Kochen nicht unbedingt einkaufen muss“, sagt die Pensionistin. „Kartoffeln, Eier, Zwiebeln und ein gutes Öl sind ja immer im Haus. Ich hab auf jeden Fall 100 Kilogramm Kartoffeln im Keller, sonst fühl ich mich nicht vollständig“, sagt sie spitzbübisch.
Neben den Rezepten und Bildern hat die Familie in dem Buch auch Tipps für den Umgang mit älter oder dement werdenden Menschen gesammelt. Es sind kleine Denkanstöße, die den Alltag erleichtern sollen, z. B. den Tisch liebevoll zu decken, kleine Portionen zu servieren und den alten Menschen mit Körperkontakt, Lob und Geduld zu verwöhnen.
Daneben sind Rituale wichtig, wie sie auch Anna und Jarka haben: Jeden Abend besprechen sie, was am nächsten Tag auf den Teller kommt. Anna diktiert Jarka den Einkaufszettel, auch das eine Übung für die grauen Zellen. „Ich brauche diese Beschäftigung. Ich kann ja nicht plötzlich aufhören zu kochen, sonst wäre ich weg“, sagt Heis.
Das Menü für den nächsten Tag steht natürlich schon fest: Topfenpaunzen. Eine Köstlichkeit, die Jarka auch ihrer slowakischen Familie schon aufgetischt hat. Dort heißt das Gericht – zungenbrecherisch – Tvarohové knedlicky opekané. Auf der Zunge zergeht es Slowaken wie Tirolern aber gleichermaßen.
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