Sinnsucher und anarchischer Ruhestörer
München feierte den 75. Geburtstag von Multitalent Herbert Achternbusch.
Von Jörn Florian Fuchs
München –Der Jubilar ist leider aus Krankheitsgründen verhindert. Doch auf Postkarten begegnet man ihm gleich mehrfach. Freudig verteilt das Einlasspersonal etwa eine Schwarz-Weiß-Fotografie mit dem Antlitz des Meisters – er trägt wie so oft schwarzes Hemd und schwarzen Hut. Halb ironisch, halb melancholisch schaut er in die Kamera. Daneben steht der hübsche Satz „Schön wär’s, wenn’s schöner wär’“. Dem ist kaum zu widersprechen, wie so vielen der Achternbusch’schen Bonmots, die gern zum Paradoxhaften tendieren.
Herbert Achternbusch ist gebürtiger Münchner und arbeitete sich zeitlebens (besonders) an dieser seiner Heimatstadt ab, drehte Filme pro und contra Oktoberfest („Bierkampf“), kam mit einer ganz eigenen Jesus-Geschichte auf den Index („Das Gespenst“), schrieb eine Menge Theaterstücke, Hörspiele und Romane in wild assoziierendem Stil („Alexanderschlacht“) und durchstreifte bis vor Kurzem, oft milde lächelnd, die Münchner Biergartenszene. Jetzt bleibt er meist zuhause und lässt sich von einem seiner diversen Kinder (die er mit unterschiedlichen Frauen hat) pflegen und hegen. Am Samstag feierten ihn die Münchner Kammerspiele und die Bücherschau ausführlich. Im Gasteig ging es los, Michael Tregor (der leider etwas schlampig vorbereitet war) und FX Karl lasen vorwiegend kalauerhafte Prosa und Lyrik („Du hast keine Chance, aber nutze sie!“) und stellten Achternbusch als ebenso empfindsamen Beobachter wie anarchischen Ruhestörer („Kunst kommt von Kontern, nicht von Können.“) vor. Und es wurde recht zotig, nicht nur bei der Beschreibung des weiblichen Geschlechts (gemeint ist das Geschlechtsteil), für das Achternbusch auch, aber nicht nur freundliche Worte findet.
Höhepunkt war die Urlesung eines Dramoletts: Ein altes Paar entschließt sich zum gemeinsamen Selbstmord und kann sich nicht entscheiden, wo das Ganze stattfinden soll und wer zuerst schießt. Urkomisch beginnt alles, doch das Ende ist tatsächlich – doppelt – tödlich.
Im Werkraum der Kammerspiele spielte sodann Brigitte Hobmeier die „Susn“, jene Kultfigur, in der Achternbusch eine Frau in diversen Lebensaltern immer wieder tragisch scheitern lässt. Die schon etwas ältere Inszenierung von Thomas Ostermeier genießt mittlerweile Kultstatus. Unmittelbar auf Susns grausam komische Höllenfahrt folgte Höllenlärm. Ein Trio infernale (Carl Oesterhelt, Zoro Babel und Salewski) kreierte ohrenbetäubende, elektronisch verstärkte Klänge mit allerlei Metallteilen. Manches kam vermutlich direkt vom nächsten Schrottplatz.
Besonders eindrücklich waren zwei sehr musikalische Schränke, einer stand auf Federn und wurde durch den darin herumturnenden Musiker zum Instrument, ein anderer hatte aberwitzige Sirr- und Flirrgeräte eingebaut. Das Trio stärkte sich eifrig mit Bier und Tabak, im Hintergrund wurden Bilder des Jubilars projiziert, dieser ist nämlich auch Maler. Sein Stil: mal märchenhaft und leicht kitschig, mal abstrakt und die Sehnerven fruchtbar provozierend.
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