Moderne Sklaverei

In Londons Häusern: Fall von Sklaverei nur Spitze eines Eisbergs?

Der Fall von moderner Sklaverei in London hat die Welt empört. Die Themse-Metropole war in den 1960er Jahren ein Anziehungspunkt für obskure politisch-religiöse Gemeinschaften und Kulte. Ist das aktuelle Drama nur die Spitze eines Eisbergs?

Von Michael Donhauser

London - Der Häuserblock im Londoner Stadtviertel Stockwell ist einer von Hunderten in der Stadt. Er ist nicht sehr hübsch, wie so viele dieser Sozialwohnungsanlagen in kommunaler Hand. Aber immerhin: Er ist vergleichsweise neu und die Holzvertäfelung an der Fassade soll die Tristesse ein bisschen wohnlicher wirken lassen. Doch hinter den meist zugezogenen Vorhängen im ersten Stock spielte sich offenbar ein unglaubliches Drama ab. In der Wohnanlage am Peckford Place wurden drei Frauen wohl jahrelang als eine Art Sklavinnen gehalten - der Fall geht seit Tagen um die Welt.

Man weiß nicht einmal, wer hinter der Tür gegenüber lebt.
Ein Nachbar am Peckford Place.

Ein Mann und seine Ehefrau, beide heute 67 Jahre alt, sollen über die drei Frauen im Alter von 30, 57 und 69 Jahren emotionale Macht ausgeübt und ihnen Gehirnwäschen verpasst haben. Ihnen wird vorgeworfen, die Opfer mit „unsichtbaren Handschellen“ gefesselt und mit Schlägen gefügig gemacht zu haben, wie Chefermittler Steve Rodhouse von Scotland Yard es beschrieb. Zunächst vor rund 35 Jahren in einer Art Kommune „mit gemeinsamer politischer Ideologie“ zusammenlebend, soll sich die Gemeinschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt in eine Art Sklavenhaltung verwandelt haben.

Tristes und anonymes Leben in Wohnsilos

Was Scotland Yard am Samstag als ersten Zwischenstand seiner „schwierigen und komplizierten Ermittlungen“ veröffentlichte, hält auch der Weltstadt London den Spiegel vor. Der Glitzerwelt des Westends und dem unermesslichen Reichtum der Bankenwelt steht vor allem im Süden und Osten der Stadt das triste und anonyme Leben in Wohnsilos gegenüber. „Das Problem hier ist, dass keiner mit keinem spricht“, sagte ein Nachbar am Peckford Place dem „Observer“.

Auch die Entstehung des Problems könnte ein Spiegelbild des höchst vielfältigen Lebens in London gewesen sein. Während die Themse-Metropole einerseits für die „Swinging Sixties“ stand und der Lebensstil damals weltweite Bewunderung fand, wurde London auch wie kaum eine andere westliche Großstadt zum Nährboden für obskure Sekten und Kulte.

Extremer Anziehungspunkt

„London war in den 1960er Jahren ein extremer Anziehungspunkt“, sagte Professor Rod Dubrow-Marshall, Sozialpsychologe an der Universität von Central Lancashire dem „Sunday Telegraph“. „Es gab Hunderte wenn nicht Tausende solcher Gruppen, einige hatten nicht einmal Namen“, sagte der Experte. Viele hätten ihre Basis auf gängigen politischen Thesen gegründet, dann aber „ihre eigenen Ideen zu einem giftigen Mix hinzugefügt“, sagte er. Die Grenzen von Politik und Religiösität seien oft verschwommen. „Die Anführer versprachen, sie hätten besondere Erkenntnisse oder Erleuchtungen, die ihren Jüngern den Weg ins gelobte Land erlaubten“, sagte der Professor.

Scotland Yard muss nun Theorien wie die des Professors mit der Realität verbinden: Hunderte Befragungen von Nachbarn, die Auswertung säckeweise sichergestellter Beweismittel, vor allem aber die psychologisch höchst sensible Befragung der drei schwer traumatisierten Opfer: all das wird Wochen, wenn nicht Monate dauern, kündigte die Londoner Polizei an. Alle 37 Beamten ihrer Sondereinheit gegen Menschenhandel sind mit dem Fall beschäftigt.

„Spitze eines ziemlich großes Eisbergs“

Und sie könnten noch mehr Arbeit bekommen: Der Fall sei nur die „Spitze eines ziemlich großes Eisbergs“, sagte der Unterhaus-Abgeordnete und Menschenhandels-Experte Frank Field. Innenministerin Theresa May nennt die in vielen Londoner High Streets verbreiteten Maniküre-Studios, wo vor allem Asiatinnen arbeiten, als Hort für Zwangsarbeit. Die Vorsitzende der Hilfsorganisation Freedom Charity, Aneeta Prem, die maßgeblich an der Befreiung der Frauen beteiligt war, zählt schon jetzt einen erheblichen Anstieg der Notrufe auf ihrer Hotline. Die Zahl habe sich seit Bekanntwerden des Londoner Falles vervielfacht.

Die Strafverfolgung dagegen könnte sich schwierig gestalten. „Es ist nicht klar, ob die zwei Verdächtigen nach geltenden Gesetzen mit Erfolg angeklagt werden können“, schrieb die „Sunday Times“. Das Ehepaar aus Indien und Tansania ist gegenwärtig gegen Kaution auf freiem Fuß. Es sei schwer, mit Begriffen wie „unsichtbare Handschellen“ oder „Gehirnwäsche“ vor Gericht mutmaßliche Täter festzunageln.“

Das erste britische Anti-Sklaverei-Gesetz seit 200 Jahren ist erst noch in der Vorbereitung. (Michael Donhauser arbeitet für die Deutsche Presse Agentur.)