Nationalrat

Opposition zerpflückt Regierungsprogramm

17. Dezember 2013: Dass das Wissenschaftsministerium als eigenständiges Ressort abgeschafft wurde, sorgt bei der Opposition für Unmut. Grün-Abgeordnete machten ihrem Ärger bei der Nationalratssitzung mit Taferln Luft.
© APA/Roland Schlager

Gestern wurde das Kabinett Faymann II angelobt, heute stellte sich die neue Regierung zum ersten Mal dem Nationalrat. Die Opposition ließ kein gutes Haar am Regierungsprogramm.

Wien - Die Regierung Faymann II hat sich am Dienstagvormittag dem Nationalrat präsentiert. In seiner etwas über 30-minütigen Regierungserklärung stellte Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) Österreich einmal mehr als „Erfolgsmodell“ und Vorzeigebeispiel in Europa dar und warb um Verständnis für den Sparkurs der Koalition. An die Abgeordneten appellierte er, „gemeinsam Verantwortung zu übernehmen“.

Der Staat nehme seine „Schutzfunktion“ bei Bildung, Pensionen, Pflege und Gesundheitswesen nicht nur „am Papier“ wahr. Es sei nun die Aufgabe der Regierung, „gemeinsam dafür zu sorgen, dass diese Leistungen auch in Zukunft abgesichert sind“. Dafür brauche es auch Reformen und stabile Finanzen, betonte Faymann. Insbesondere müsse man die „historisch niedrigen“ Zinsen für die Staatsverschuldung absichern, denn jeder Prozentpunkt mehr bedeute hier zwei Mrd. Euro zusätzliche Ausgaben für das Budget.

In seiner gut halbstündigen Rede referierte Faymann den Abgeordneten daher recht nüchtern die Schwerpunkte des Regierungsprogramms. Vom Ausbau der Ganztagsschulen und der Kinderbetreuung, über das Bonus/Malus-System bei den Pensionen bis hin zu Einsparungen bei Förderungen und in der Verwaltung.

Er macht jetzt wahrscheinlich über Weihnachten die Ausbildung zum Außenminister bei Humboldt.
FPÖ-Chef Strache über Neo-Außenminister Kurz

Emotional wurde der SP-Chef nur, als die FPÖ in Gelächter ausbrach, während er Investitionen in Wissenschaft und Bildung versprach. „Alles, was Sie können, ist ein bissl wen verhöhnen. Aber ich sage Ihnen: verhöhnen Sie sich selbst, das passt am besten zu Ihnen!“ herrschte der Kanzler die FP-Abgeordneten an. Die geplanten Steuererhöhungen verteidigte Faymann mit dem Hinweis, dass man den Österreichern damit - anders als viele andere europäische Länder - eine Anhebung der Mehrwertsteuer erspare.

Spindelegger betont Nulldefizit 2016

ÖVP-Chef und Neo-Finanzminister Michael Spindelegger ging vor allem auf den Staatshaushalt ein. Stabile Finanzen seien die Voraussetzung dafür, „dass etwas entstehen kann“, sagte er. In den nächsten Wochen werde man dem Hohen Haus die Grundlagen für das neue Budget 2014 liefern. Als „außergewöhnlich“ bezeichnete er, dass „zum ersten Mal in einer Legislaturperiode“ das strukturelle Nulldefizit ab 2016 abgesichert sein soll.

In Bezug auf die Verwaltungsreform nannte er die Transparenzdatenbank für Förderungen. Diese soll helfen, Doppelgleisigkeiten zu hinterfragen und dass das „Geld nicht mehr mit der Gießkanne verstreut“ werde. Als dritten Punkt nannte Spindelegger „Wachstum fördern“. Dabei sprach er auch von „Offensivmaßnahmen für die Wirtschaft“, um eine Gründerwelle auszulösen.

Strache: „Ambitionslosigkeit die ihresgleichen sucht“

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache bezeichnete den neuen Koalitionspakt als „Ambitionslosigkeit die ihresgleichen sucht“. Seine Partei vermisse „Kerninhalte“ in einem Programm, das fast nur aus Überschriften bestehe. Dass man mit Sophie Karmasin eine „ORF-Dame zur Familienministerin“ gemacht habe, sei wohl ein „PR-Gag“. Dass Karlheinz Töchterle abserviert wurde kritisierte Strache ebenfalls scharf. Sebastian Kurz habe zwar durchaus beachtliche Arbeit gemacht, aber für einen Außenminister sei er zu jung. „Er hat keine diplomatische Erfahrung. Das ist eine Abmeldung der österreichischen Außenpolitik, er macht jetzt wahrscheinlich über Weihnachten die Ausbildung dazu bei Humboldt.“

Für die neue Regierung gelte die „Unfähigkeitsvermutung“. Ich hätte mir klare Ziele gewünscht, aber nichts dergleichen ist im Regierungsprogramm zu finden. Er hätte sich „eine Auflistung der nötigen Reformschritte mit einem festen Datum“ gewünscht. Bei der EU-Wahl im nächsten Jahr müsse man der Regierung „einen Denkzettel verpassen“. Strache: „Man findet keine Verwaltungsreform, keine Ausholzung des Subventionsdschungels, dafür eine versteckte Steuererhöhung und eine kalte Progression“.

Glawischnig: „Freiheit der Wissenschaft wird ökonomisiert“

Dass Österreich im internationalen Vergleich „nicht ganz schlecht“ da stehe, gestand Grünen-Klubobfrau Glawischnig immerhin zu. Die Geduld der Bevölkerung sei dennoch erschöpft, warte man doch schon auf die diversesten Reformen schon ewig, vor allem im Bildungsbereich.

Dass das Wissenschaftsressort mit der Wirtschaft verschmolzen wird, ist für Glawischnig „ein fürchterlicher Irrtum“, werde doch damit die „Freiheit der Wirtschaft ökonomisiert“. Man habe auch nichts aus der Fusionierung von Landwirtschaft mit Umwelt gelernt, wo seither Interessenskonflikte bestünden. Das Umweltkapitel ist übrigens für die Grünen-Chefin „das Schwächste, das wir jemals in Österreich gehabt haben“.

Nachbaur kritisiert Finanzierungsvorbehalt

„Viele positive Überschriften“ hat Team-Stronach-Klubobfrau Nachbaur im Regierungsprogramm gelesen, jedoch: „Mir gefällt nicht, dass die unter (Finanzierungs)Vorbehalt stehen“. Zudem bedeuteten viele Vorschläge Strafen für Leistungsträger: „Es hat den Anschein, dass nichts so gefährlich ist wie Leistung“.

Dabei gebe es umso weniger Geld für sozial Schwache, je weniger erwirtschaftet werde. Und die arbeitenden Menschen würden „zu Bankomaten, um Budgetlöcher zu füllen“. Abschließend noch ein Tadel Nachbaurs in Sachen Gleichstellung. Nur zwei von acht Schwarzen und drei von acht Roten in der Regierung seien Frauen, dazu weder weibliche Klubchefs noch weibliche Landeshauptleute.

Strolz tritt als fiktiver Kanzler auf

Wieder einmal originell versuchte sich NEOS-Klubchef Strolz. Nach einer Einleitung, wonach der Koalitionspakt zwar einen „Fleckerlteppich an sinnvollen Maßnahmen“ enthalte, der Schub nach vorne aber fehle, hob er zu einer alternativen Regierungserklärung an.

Der „fiktive Kanzler“ Strolz berichtete da unter dem Motto „mutig in die neuen Zeiten“ unter anderem von einer Einigung auf die Gesamtschule oder einer Senkung der Parteiförderung. Den Landeshauptmännern Michael Häupl (SPÖ) und Erwin Pröll (ÖVP) dankte er für die Übernahme der Steuerhoheit durch die Länder, ehe Strolz dann doch wieder am Boden der Realität landete und einen Antrag einbrachte, das Wissenschaftsressort eigenständig zu halten. Denn mit dessen Abschaffung werde eine „Landebahn der Zukunft zerstört“. (tt.com, APA)

Nachlese: TT Online berichtete in einem Live-Blog über die Nationalratssitzung.

Regierung präsentiert sich dem Nationalrat

+++ Live-Blog beendet +++

12:05 Uhr

Wir beenden an dieser Stelle die Live-Berichterstattung. Eine Zusammenfassung folgt in Kürze.

12:04 Uhr

Sabine Oberhauser von der SPÖ lobt die Gebärdendolmetscherin, die Kickls rasende Rede übersetzen musste. "Die Generation Praktikum wird ausgenutzt", so Oberhauser. "Wir werden dagegen ankämpfen."

FPÖ-Kickl: "Kein Herz, fast kein Verstand"

11:59 Uhr

FPÖ-Generalsekretär Harald Kickl legt los: In der Regierungserklärung stehe quasi, dass Vorhaben "möglicherweise, vielleicht einmal passieren." Dies bedeute, dass diese möglichweise auch nicht umgesetzt würden. Darauf könne doch kein Zukunftsplan basieren. Fast ohne Luft zu holen, fährt Kickl fort: Das Regierungsprogramm sei dominiert von "Lustlosigkeit und Angst".

Hundstorfer: "Wir sind Weltmeister beim Pflegegeld"

11:55 Uhr

Sozialminister Hundstorfer kontert in Richtung Scherak: "Sie haben das Regierungsprogramm wirklich nicht gelesen." Österreich sei in einer guten Balance. Sowohl bei den Jungen als auch bei den Älteren schaue man darauf, so viel wie möglich Beschäftigung zu schaffen, so Hundstorfer. Mit der Erhöhung des faktischen Pensionsantrittsalters und dem Bonus-Malus-System mache man einen großen Schritt.Zudem habe man ein klares Bekenntnis zur Pflege geschaffen: "Wir sind Weltmeister beim Pflegegeld." 5,2 Prozent der Bevölkerung würden dieses beziehen. Auch soziale Dienstleistungen im ländlichen Raum seien aufgewertet worden.

Scherak: "Die Jugend muss dann aufräumen"

11:48 Uhr

Den Erfolg, den eine Wiedereinführung der Sektsteuer bringen soll, zweifelt Niki Scherak von den NEOS an. "Selbst im trinkfreudigen Österreich, wird Ihnen die Sektsteuer nicht die Einnahmen bringen, die Sie sich davon versprechen." Die Abschaffung des Wissenschaftsministeriums sei ein "Schlag ins Gesicht" für alle Studierenden und Forscher. "Sie feiern genüsslich eine Party und die Jungen müssen in fünf Jahren aufräumen."

TS-Klubobfrau: "Programm wie ein Brief ans Christkind"

11:42 Uhr

Waltraud Dietrich vom Team Stronach in Richtung Spindelegger: "Es ist ein großer Unterschied im Leben ob man etwas will oder ob man etwas macht. Vom Wollen alleine hat niemand etwas, das Regierungsprogramm ist wie ein Brief an das Christkind. Es gibt keine klaren Zeitvorgaben und keine Verbindlichkeiten." An Faymann gerichtet fährt sie fort: "Was ist aus ihren Versprechungen geworden?" Österreich habe jetzt eine der höchsten Steuer- und Abgabenquoten. Fekter habe eine Bilanz vorgelegt, bei der jeder Betrieb "schon längst Pleite" wäre. Das Regierungsprogramm sei nicht mehr als ein Machterhaltungsprogramm. Auch an der "Degradierung des Wissenschaftsministeriums" übt Dietrich harte Kritik.

Fekter: Regierungsprogramm "so klar, wie noch keines zuvor"

11:35 Uhr

Die Ex-Finanzministerin wird mit "Bravo"-Rufen aus ihrer eigenen Partei empfangen. Es sei kritisiert worden, dass zu wenig im Regierungsprogramm stünde, doch "so klar wie dieses, war noch keines zuvor", meint sie. Die Kritiker sollten sich den Koalitionspakt genauer anschauen. "Die Kritik von Herrn Strache, dass es keine Zeitvorgaben gibt, stimmt nicht", so Fekter. Aus der FPÖ-Riege kommen lautstarke Proteste."Uns liegt die Modernisierung des Staates am Herzen", schließt Fekter.

11:31 Uhr

"Selbst wenn man sich bemüht, in Ihrem Regierungsprogramm etwas Herausragendes zu finden, tut man sich schwer", erklärt der Grüne Finanzsprecher Werner Kogler. Die Regierungsbank ist wieder vollzählig, jetzt ist Maria Fekter am Wort.

Auch SPÖ-Abgeordneter kritisiert Finanzierungsvorbehalt

11:29 Uhr

Kai Jan Krainer von der SPÖ kritisiert seine eigene Partei: "Viele Vorhaben im Regierungspakt sind unsicher und stehen unter Finanzierungsvorbehalt."

11:27 Uhr