Heimeliges Kerzenlicht

In Skandinavien sind die Wintermonate immer schon eine Idylle, wenn man durch die Straßen schlendert und in den Fenstern die Kerzen flackern sieht, Teelichter das Finstere der Saison erhellen oder Laternen mit dicken Kerzen vor den Häusern stehen. Schon die alten Römer kannten Kerzen.

Von Ursula Philadelphy

Dieser Trend ist nun scheinbar im Begriff, auch in unseren Breiten die Amerikanismen etwas einzubremsen. Immer häufiger sieht man auch vor den Haustüren in der Adventzeit dicke Kerzen stehen. Manchmal eingebunden in grüne Arrangements, häufiger aber – was wohl eine Absage an die potenzielle Brandgefahr ist, in Laternen.

In dieser Jahreszeit sind Kerzen einfach ein omnipräsentes Thema und die Zeiten, in denen man unabdinglich und ausschließlich auf Teelichter gesetzt hat, sind etwas vorbei. Teelichter ziehen jetzt eher nicht als Teelicht per se, sondern ob der Tatsache, dass man mit den kleinen Lichtern extravagante Gefäße dekorativ zum Leuchten bringen kann.

Hohe, schmale Tischkerzen sind auch reizvoll, allerdings ist es nicht ganz einfach, die passenden Kerzenhalter zu finden. Zu sehr ist der Kerzentrend internationalisiert, will heißen, die Kerzen kommen inzwischen von überall her und es gibt einfach sehr viele unterschiedliche Kerzendurchmesser, die nie mit den Kerzenhaltern zusammenpassen, die man besitzt. Aber es ist natürlich schön, wenn man sich den Luxus gönnt, bei einem feinen Abendessen Kerzen am Tisch stehen zu haben oder wenn ein Sideboard mit Kerzen winterliches Flair bekommt. Heute geht es hauptsächlich darum, mit Kerzen eine heimelige Atmosphäre zu schaffen (der Landesrat, der für den Katastrophenschutz zuständig ist, würde natürlich anmerken, dass man auch für die Eventualität eines Stromausfalles nicht nur Taschenlampen, sondern auch Kerzen bereit haben sollte, und Recht hat er!).

Schon bei den Römern waren Kerzen Beleuchtungsmittel. Neben Talgkerzen gab es auch solche aus Pech oder Wachs. Im 14. Jahrhundert entstanden in Hamburg die ersten Kerzengießereien, wobei die Kerzen für Kirchen ausschließlich aus Bienenwachs hergestellt wurden, während sich die normalen Haushalte mit Rinder- oder Hammeltalgkerzen begnügen mussten. Auch Walrat, eine wachsartige Masse aus den Stirnbeinhöhlen des Pottwals, wurde für Kerzen verwendet; auf Grund der Rarität des Materials war das allerdings eine absolute Luxusvariante, die für die normale Bevölkerung unbezahlbar war.

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Anfang des 19. Jahrhunderts schließlich entstanden die ersten Stearinkerzen und wenig später folgten auch die Paraffinkerzen. Der Materialkreis schließt sich übrigens heute wieder, denn wer besonders edle und wohlriechende Kerzen haben will, setzt auf Bienenwachs. Hier gibt es, zum Beispiel bei der Grünen Erde oder in der Imkergenossenschaft in Innsbruck, Modelle aus gezogenem Bienenwachs, aber auch einfach gegossene und, ganz speziell, aus gerollten Waben. Alle Varianten gibt es übrigens sowohl als Stabkerzen, aber auch als dicke Humpen und selbstverständlich auch als Christbaumkerzen. Ein wohliger Geruch in der ganzen Wohnung ist damit gesichert.

In der christlichen Liturgie spielen Kerzen eine große Rolle und sind schon sehr früh belegt, aber auch in vorchristlichen Totenkulten sind Kerzen nachgewiesen. Die teilweise riesigen Kerzenständer in unseren Kirchen dürften jedem ein Begriff sein und finden sich auch in so manchem Haushalt, in verkleinerter Form wieder.

Einer der berühmtesten Kerzenleuchter ist die siebenarmige Menora, die ein wichtiges religiöses Symbol des Judentums darstellt. Bei der Staatsgründung von Israel wurde die Menora, deren Ursprung in Babylonien vermutet wird, in das Staatswappen integriert. Beeindruckend ist die riesige, schmiedeeiserne Menora vor der Knesset, dem israelischen Parlamentsgebäude, in Jerusalem. Sie soll ein Zeichen der Souveränität Israels sein.

Ganz in diese Richtung, also mehrarmig, aber flexibel und multipel zusammensetzbar ist ein ziemlich witziger Kerzenhalter, den der französische Designer Jean Charles Amey für Petite Friture entworfen hat. „Grandissant“ nennt sich das Stück, was so viel bedeutet wie „wachsend“. Amey hat damit einen organischen Kandelaber entwickelt, dessen Silhouette sich nach Lust und Laune verändern lässt. Das Design spielt mit dem Bild eines Baumes, hat vegetabilen Charakter, ist flexibel und lässt den Nutzer experimentieren. Ein Modul begeistert mit zwei Kerzen – die kleine Variante besteht aus drei Modulen und bietet also schon einige Möglichkeiten. Ganz zu schweigen von der großen Ausgabe mit neun Modulen!


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