Film und TV

Choreographierte Erotik

Abdellatif Kechiche und seine Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux gewannen mit „Blau ist eine warme Farbe“ in Cannes die Goldene Palme.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Ende April demonstrierten Franzosen gegen den Untergang, denn mit der Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften durch die Nationalversammlung würde Frankreich in zehn Jahren aussterben, die stolze würde sich in eine schwule Nation verwandeln. Die Macht der Straße blieb im Mai auch in Cannes nicht ohne Wirkung. Die Goldene Palme ging an Abdellatif Kechiches erotisches Liebesdrama „Blau ist eine warme Farbe“ mit dem ausdrücklichen Zusatz, Preis und Ruhm zwischen dem Regisseur und den beiden Darstellerinnen Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos aufzuteilen.

Solche Forderungen enden allerdings oft im Zwist, weshalb der Kinostart des Films in Frankreich von einem veritablen Skandal begleitet wurde. Julie Maroh, die Autorin der Comicvorlage, distanzierte sich von Kechiches „pornografischer Verfilmung“. Etwas spät, aber doch fühlten sich Seydoux und Exarchopoulos erniedrigt und verkündeten, nie wieder mit Kechiche arbeiten zu wollen. Der Regisseur rächte sich, indem er Léa Seydoux als verwöhnte Angehörige der Bourgeoisie denunzierte. Tatsächlich ist die Schauspielerin die Enkelin von Jérôme Seydoux, Eigentümer des legendären Kinokonzerns Pathé. Immerhin ließen sich eine Million Franzosen von diesem Marketingdrama ins Kino locken.

Für die 15-jährige Adèle (Adèle Exarchopoulos) ist die Begegnung mit dem anderen Geschlecht noch kein dringendes Bedürfnis, doch der Gruppendruck an der Schule in Lille ist zu groß. Thomas (Jérémie Laheurte) ist nicht unsympathisch, aber Adèle empfindet beim viel beschworenen ersten Mal nichts. Auf dem Schulweg schwebt an ihr ein blauer Schmetterling vorbei, doch Adèle hat sich getäuscht, es waren die Haare von Emma (Léa Seydoux), die im Arm eines anderen Mädchens vorbeigelaufen ist.

Plötzlich verfügt die Schülerin, wenn sie sich nachts allein im Bett wälzt, über einen Bildervorrat, der ihr dabei hilft, ihre erwachende Sexualität zu entdecken. Glücklicherweise ist Adèle auch Emma nicht verborgen geblieben. Die Schülerin und die um einige Jahre ältere Kunststudentin werden ein Paar. Emmas Eltern, großbürgerliche Intellektuelle, freuen sich über das Glück, servieren bei der ersten Einladung aphrodisierende Austern. In Emmas Zimmer können die Mädchen schreien und flüstern, wenn sie einander schlürfen und lecken, während Adèle die Freundin ihren Eltern als Nachhilfelehrerin vorstellen muss. Dementsprechend müssen sich Emma und Adèle in deren Kinderzimmer wie Fische lieben, um ihre Leidenschaft nicht zu verraten. In der Schule wird Adèle nach der Entdeckung ihrer lesbischen Beziehung bespuckt und als Kranke behandelt. Jede Erinnerung an die Vergangenheit wird nach verräterischen Gesten untersucht und voller Ekel getilgt.

Im Original heißt „Blau ist eine warme Farbe“ schlicht und schön „Das Leben der Adèle, Kapitel 1 & 2“. Der Titel zitiert einen Roman, den Adèle in der Schule liest. Pierre Carlet de Marivaux erzählt in „La vie de Marianne“ von einer Liebe, die an den Klassenunterschieden zerbricht. Diesen Schmerz muss auch Adèle erfahren, die inzwischen in ihrem Traumberuf als Lehrerin arbeitet. In der gemeinsamen Wohnung mit Emma ist sie für die Küche zuständig, bei den Gesprächen bleibt sie ausgeschlossen. Die Liebesgeschichte ist wie die choreographierte Erotik nur noch eine schmerzhafte Erinnerung.