Weihnachten als Belastung

Scherben unter dem Christbaum

Oh du fröhliche? Nicht für alle. Die stillste Zeit des Jahres bringt auch Einsamkeit, Alkoholprobleme und Schulden.

Von Marco Witting und Katharina Zierl

Innsbruck –Frohe Weihnachten. Der hunderttausendfach gewünschte Gruß dieser Tage klingt für manche Tiroler wohl wie blanker Hohn. Denn froh sind sie erst, wenn der große Rummel um Weihnachten und Silvester vorbei ist. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einsamkeit, Konsumdruck, Familienstreitigkeiten, Depression, erdrückende Schuldenlast oder Alkoholprobleme. Und dann wird die schönste Zeit des Jahres zur schlimmsten.

Bei den unterschiedlichen Beratungsstellen ist oft vom „Druck“ die Rede. Druck, dass das Fest in der Familie besonders harmonisch wird. Druck beim Einkauf – auch wegen hoher finanzieller Belastungen. Druck, der auf der Seele lastet, weil am Heiligen Abend Einsamkeit droht. Claudio Canazei vom Psychosozialen Dienst rät jenen Menschen, die sich allein fühlen, einen fixen Plan zu machen. „Selbst wenn der heißt, dass ich es mir selber mit einer Suppe fein mache. Wenn ich alleine bleibe, keine Vorstellung habe, was ich tue, dann werde ich mich auch nur mit Einsamkeit und Traurigkeit beschäftigen.“

Zudem helfe es, sich zu überlegen, mit wem man die Feiertage gerne verbringen will. „Selbst wenn man die Menschen nicht sehen kann, hilft es, zu wissen, dass da jemand ist.“ In den Beratungen sei Weihnachten schon vor Wochen Thema gewesen. Canazei verweist zudem auf diverse Einrichtungen, die ein gemeinsames Fest am Heiligen Abend anbieten würden. Dann müsse man nicht alleine im Wohnzimmer sitzen.

Armin Dag von BIN (Beratung, Information, Nachsorge) weiß, dass die besinnliche Zeit für viele, auch was den Alkoholkonsum betrifft, Gefahren mit sich bringt: „Das Hauptproblem ist, dass die Menschen emotional zu hohe Erwartungen an Weihnachten haben. Es soll möglichst friedlich und harmonisch ablaufen. Gelingt das nicht, kommt es schnell zu Streitigkeiten in der Familie. Dann greifen viele zum Alkohol.“ Wer bereits unterm Jahr gewohnt sei, Konflikte mit Alkohol zu betäuben, „wird das zu Weihnachten dann noch verstärkt tun“, betont Dag. „Alkoholmissbrauch fängt selten aus dem Nichts heraus an, meist gibt es eine Vorgeschichte“, betont der inhaltliche Leiter von BIN. Nicht nur der Heilige Abend, auch die Tage danach seien für viele schwierig: „An Silvester etwa ist der Druck, Alkohol zu konsumieren, enorm hoch. Ohne mit Sekt anzustoßen, ist der Jahreswechsel für viele gar nicht vorstellbar“, betont Dag.

„Wir sollten den Ball, was die Erwartungshaltung an Weihnachten und den Feiertagen betrifft, flach halten. Dann ist die Gefahr von Enttäuschungen geringer“, sagt der BIN-Leiter.

Den Ball flach halten, das würden auch viele Menschen gerne, die nicht die finanziellen Möglichkeiten haben, große Geschenke zu machen. Auch wenn es bei dem Fest darum eigentlich gar nicht geht, können sie sich dem Konsumdruck nicht entziehen. Bei der Schuldnerberatung werden diese Auswirkungen dann im Jänner und Februar sichtbar. „Im Dezember haben die Menschen durch das Weihnachtsgeld einen Polster, doch anstatt sich Reserven anzulegen, kommen dann nach dem Jahreswechsel die Probleme“, erklärt der Leiter der Beratungsstelle Thomas Pachl. Und so seien die Monate am Jahresanfang jene, mit den meisten Neuanmeldungen. Auch Pachl spricht vom „gesellschaftlichen Druck“, unter dem viele Menschen stehen. Erst würde man sich nichts schenken wollen, dann sei es eine Kleinigkeit und dann steigere es sich weiter. „Dann hören die Menschen noch dauernd, was der durchschnittliche Österreicher ausgibt.“

Dass sich Menschen mit dem Geschenkkauf finanziell übernehmen, kennt auch AK-Konsumentenschützer Andreas Oberlechner. „Gerade die Angebote, jetzt kaufen, später zahlen, sind verlockend, aber gefährlich.“ Denn auch wenn die Raten auf den ersten Blick gering aussehen mögen, in der Summe würde dies bei einigen zu Problemen führen. „Genauso ist es mit Kartenzahlungen, wo einige den Überblick verlieren.“ Oberlechner rät von „Spontankäufen“ gerade jetzt an den letzten Einkaufstagen ab. Stattdessen sollen die Menschen ihr Budget im Auge behalten.