Lieber Eisplatten als Schneeflocken

Österreichs Naturbahnrodler flitzen am kommenden Wochenende ins Rampenlicht und wollen bei den Heim-Europameisterschaften in Umhausen/Grantau auf das Siegespodest rasen.

Von Sabine Hochschwarzer

Innsbruck –Naturbahnrodler brauchen kaum Schnee. Das, was Schlittenfahrer für gewöhnlich abschreckt, ist ihr liebster Untergrund. „Ohne Eis geht’s nicht“, sagt Gerald Kammerlander. Schnee müsste sogar aus der Bahn gekehrt werden, einzig zu Saisonbeginn brauche es eine weiße Unterlage. „Wichtig ist nur, dass es kalt bleibt“, beschreibt der Umhauser. Vor zwei Jahren glühte der 32-Jährige noch selbst zum Weltmeistertitel – bei Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 100 km/h. Bei den Heim-Europameisterschaften ab Donnerstag im Ötztal steht Kammerlander nun als österreichischer Teamchef an der 955 m langen Strecke. Und auch als großer Bruder.

Der um neun Jahre jüngere Thomas Kammerlander gilt als heißes Eisen für EM-Edelmetall. Die heurige Weltcup-Saison lief mit den Plätzen vier, eins und zwei glatt. Die Karriere ebenfalls: Vize-Weltmeister und Vize-Europameister sind nur die Spitzen des Eisberges. „Als Favorit würde ich mich nicht bezeichnen. Aber ich denke, ich habe gute Chancen“, erklärt der aktuelle Weltcup-Zweite, der bereits mit sechs Jahren sein erstes Rennen bestritten hatte. Mit dem Bruder im Doppel zu fahren wie die Steirer Christian und Andreas Schopf kam ihm allerdings nicht in den Sinn: „Ich will im Einzel gut sein.“

Auf dem Heimvorteil in Grantau/Umhausen ausruhen können sich beide Kammerlanders genauso wenig wie das Tiroler Doppelsitzer Duo Christoph Regensburger/Dominik Holzknecht, das heuer als Weltcup-Dritte einen tollen Einstand in der allgemeinen Klasse gefeiert hat. „Jeder kennt die Bahn. Und ob du sie 500 oder 1000 Mal in deinem Leben gefahren bist, spielt dann nicht mehr die große Rolle“, sagt Trainer Kammerlander. „Es sind überall Schlüsselstellen. Da gibt es keine Zufallssieger“, ergänzt Fahrer Kammerlander.

So gilt es, der Konkurrenz, die jener von Weltmeisterschaften gleicht, mit dem „Set-up“ Zeit abzunehmen. Dabei wird an der rund 1200 Euro teuren Rodel geschraubt und gebastelt wie an einem Rennauto. „Wenn ich nicht auf der Bahn bin, dann in der Werkstatt“, berichtet Thomas Kammerlander, der als Spengler sein handwerkliches Geschick auch zum Brotberuf gemacht hat.

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Insgesamt 13 Einzelfahrer und vier Doppel stehen als Team Österreich am Start und treten gegen die Weltcup-Führenden wie Patrick Pigneter (ITA), Ekatharina Lavrentjeva (RUS) oder das Doppel Pigneter/Clara an – um die EM, die auch als Weltcup-Bewerb gewertet wird. Mit wie vielen Medaillen der Teamchef rechnet? „Ich hoffe drei“, sagt Gerald Kammerlander. „Vier“, übertrumpft der kleine Bruder.


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