„Terror-Touristen“ lassen sich nicht aufhalten: Staaten beunruhigt

In Syrien sammeln sich Tausende von Islamisten aus Nordafrika, Nahost, Europa und dem Kaukasus. Radikale Prediger rekrutieren sie für den Kampf gegen das Assad-Regime. Die Staatengemeinschaft ist besorgt. In Belgien kam es am Mittwoch zu Festnahmen.

Istanbul - Aschraf hat ein Wochenende mit Freunden in Istanbul geplant. Der junge Tunesier will ausgehen, tanzen, Spaß haben. Doch aus dem Disco-Wochenende in der türkischen Metropole wird nichts. Am Flughafen von Tunis stoppt ihn der Polizist während der Passkontrolle. Ein junger Mann, der allein in die Türkei reist, das erscheint verdächtig. „Woher sollen wir denn wissen, dass du von Istanbul aus nicht weiter reist zum Dschihad nach Syrien?“, fragt der tunesische Polizist.

Tatsächlich gehören Tunesier neben Libyern und Saudis zu den Nationalitäten, die unter den in Syrien operierenden Terroristen besonders stark vertreten sind. Die meisten der Tunesier haben noch nie eine Waffe in der Hand gehabt - im Gegensatz zu den Libyern, die 2011 im Kampf gegen die Truppen von Diktator Muammar al-Gaddafi Kampferfahrung sammeln konnten. Deshalb sterben sie oft schon kurz nach der Ankunft. So wie der junge Vater, der sich kürzlich von einem Prediger in einer Kleinstadt südlich von Tunis für den Kampf in Syrien anwerben ließ. Schon zwei Wochen nach seiner Ankunft erhielt seine Mutter die Nachricht vom Tod ihres Sohnes. Seine Leiche wurde von anderen „Gotteskriegern“ vor Ort bestattet.

Ein Kämpfer der syrischen Salafisten-Brigade Ahrar al-Scham berichtet: „Als die ausländischen Kämpfer nach Tell Abjad kamen, waren wir erst froh, weil wir dachten, mit ihrer Hilfe könnten wir das Regime besiegen. Doch dann hat die Gruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS) uns den Krieg erklärt.“

Der Syrer mit dem Kampfnamen Abu Bakr war im vergangenen Januar aus Tell Abjad in die Türkei geflohen, nachdem ISIS-Terroristen den Grenzübergang in Tell Abjad erobert hatten. Der 35-jährige Pharmazie-Student hält sich seither in Istanbul mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er sagt, er habe vor seiner Flucht noch jungen ISIS-Kämpfern aus Saudi-Arabien bei der Rückkehr in ihre Heimat geholfen. „Es waren drei Brüder, die nach Syrien gekommen waren, um gegen das Regime von Baschar al-Assad kämpfen. Als die ISIS-Leute dann anfingen, die Revolutionäre anzugreifen, wollten sie lieber wieder nach Hause. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen einfach ihre Waffen wegwerfen und in Zivilkleidung zu mir kommen. Der jüngste der Brüder war nur 16 Jahre alt“, erzählt Abu Bakr.

„Dschihad-Tourismus“ beunruhigt

Insgesamt hat der „Dschihad-Tourismus“ nach Syrien, dem sich auch mehrere Hundert Muslime aus Europa angeschlossen haben, inzwischen ein Ausmaß angenommen, das auch Staaten beunruhigt, die den Strom sunnitischer Kämpfer in das Bürgerkriegsland anfangs noch wohlwollend beobachtet oder sogar aktiv gefördert hatten. König Abdullah von Saudi-Arabien hat vor drei Wochen verkündet, wer sich an bewaffneten Konflikten im Ausland beteilige, müsse nach seiner Rückkehr mit einer Gefängnisstrafe zwischen drei und 20 Jahren rechnen.

Beobachter vermuten, dass der Monarch mit seinem Dekret zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte: Er wehrt sich gegen den Vorwurf, das saudische Herrscherhaus fördere den „Dschihad“ in Syrien. Gleichzeitig übermittelt er den bereits in Syrien kämpfenden Saudis, die nach ihrer Rückkehr eine Gefahr für die Stabilität seines Königreiches darstellen könnten, die Botschaft: Bleibt bloß, wo ihr seid, sonst landet ihr im Gefängnis!

Deutscher Verfassungschutz warnt

In Deutschland gehen die Behörden einen Schritt weiter. Der Verfassungsschutz warnt vor terroristischen Anschlägen durch islamistische Syrien-Heimkehrer. Seit Beginn des Bürgerkriegs vor etwa zwei Jahren sind nach Erkenntnissen des Geheimdienstes etwa 300 Islamisten aus Deutschland in das Krisenland gereist. Etwa ein Dutzend Personen, die sich dort aktiv am bewaffneten Kampf beteiligt haben, seien inzwischen zurückgekehrt.

„Damit wächst die Gefahr terroristischer Handlungen auch in Deutschland“, sagte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, am Mittwoch. „Der Strom der Dschihadisten aus Deutschland in Richtung Syrien ist ungebrochen“, sagte Maaßen weiter. Die Zahlen stiegen kontinuierlich an.

Der UN-Sicherheitsrat hat am vergangenen Wochenende eine Resolution verabschiedet, die alle ausländischen Kämpfer auffordert, das Bürgerkriegsland zu verlassen. Damit meint er nicht nur die ISIS-Terroristen, sondern auch die schiitischen Milizionäre, die zu Tausenden aus dem Libanon und aus dem Irak nach Syrien gekommen sind, um auf der Seite des Regimes von Präsident Baschar al-Assad zu kämpfen. Doch wer meint, Syrien sei sein letzter Halt auf dem Weg ins Paradies, der lässt sich auch von UN-Resolutionen nicht aufhalten.

Festnahmen wegen Rekrutierung von Kämpfern

Die belgische Polizei hat bei Ermittlungen wegen der Rekrutierung von Kämpfern für den Syrien-Konflikt am Mittwoch zehn Verdächtige festgenommen. Die Verdächtigen gingen der Polizei demnach bei neun Haussuchungen in der belgischen Hauptstadt ins Netz. Die belgischen Behörden ermitteln seit Monaten verstärkt gegen Netzwerke, die verdächtigt werden, junge Männer anzuwerben und nach Syrien zu schleusen. Bereits am Montag waren den Behördenangaben zufolge rund 20 Menschen festgenommen worden, darunter auch zwei Minderjährige. Ein Richter verhängte gegen zehn Festgenommene Untersuchungshaft. Am Dienstag gab es 14 Haussuchungen und 14 Festnahmen.

Abu Bakr hat seinen langen Salafisten-Bart nach seiner Ankunft in Istanbul abrasiert, „weil das bei der Jobsuche hier sonst Probleme gegeben hätte“. Seine Brigade, die zu den größten Kampfverbänden in Syrien gehört, will, dass Syrien eines Tages ein „islamischer Staat“ wird. „Der Koran ist unser Gesetzbuch“, sagt er. Die oppositionelle Nationale Syrische Allianz, die in Genf Friedensverhandlungen mit dem Regime aufgenommen hat, hält er für irrelevant. (tt.com, dpa, APA, APF)


Kommentieren


Schlagworte