Der „Comandante“ ging, die Probleme blieben

Hugo Chavez hinterließ in Venezuela ein schweres Erbe. Sein Nachfolger Nicolas Maduro konnte sich die Macht sichern, doch selten war das Land so gespalten wie heute.

Von Helmut Reuter

Caracas - Die sozialistische „Revolution“ des Hugo Chavez ist ins Schlingern geraten. Kurz vor dem ersten Todestag des verstorbenen Präsidenten und „Vaters der Nation“ wird Venezuela von der massivsten Protestwelle seit dem Amtsantritt seines Nachfolgers Nicolas Maduro erschüttert. Das ölreiche Land kämpft mit einer Hyperinflation, ausufernder Kriminalität und Behördenwillkür.

Dagegen macht die Opposition Front, die aber an den Wahlurnen nicht nur Chavez, sondern auch Maduro unterlag. Die Regierung scheint entschlossen, dem einst von Chavez geprägtem Motto zu folgen: „Patria, Socialismo o muerte“ (Vaterland, Sozialismus oder Tod).

Maduro ahmt seinen politischen Ziehvater bis hin zur Wortwahl und Mimik nach. In bester Chavez-Manier geißelt auch er die Opposition unentwegt als „Parasiten“, „Oligarchen“, „Faschisten“ und „Putschisten“. Das „Imperium“ (USA) macht er mitverantwortlich für Umsturzpläne. Kein Gegner wird verschont. US-Diplomaten werden des Landes verwiesen, Fernsehkanäle bedroht oder aus dem Kabelnetz geworfen und Oppositionelle verhaftet.

Weniger Charisma als Chavez

Maduro kann dabei auf die Gefolgschaft der „Chavistas“ zählen, die Comandante Chavez vor allem in den Armenvierteln über ein Jahrzehnt lang bedingungslos die Treue hielten. Chavez war streitbar und umstritten, er wurde geliebt und gehasst und hatte im Vergleich zu Maduro mehr Charisma. Neben Fidel Castro auf Kuba wurde er zur Ikone der Linken in Lateinamerika. Seit 1999 steuerte Chavez Venezuela stringent auf Kurs Sozialismus zu, und die meisten seiner Landsleute folgten ihm.

TT-ePaper gratis testen und 2 VIP-Tickets für das Electric Love Festival gewinnen

Electric Love Festival

Der Ex-Militär war sicher kein Paradebeispiel eines seriösen Politikers und auch kein Vorzeigedemokrat europäischen Maßstabes. Aber die Mehrheit stand hinter ihm. Daran ließ sein Wahlsieg am 7. Oktober 2012, rund fünf Monate vor seinem Tod keinen Zweifel. Schon da litt Chavez unter einer schweren Krebserkrankung, der sich der 58-Jährige erst nach langem Kampf und vielen Kuba-Aufenthalten am 5. März 2013 in Caracas geschlagen geben musste.

Gegen Chavez und seine Mission der „bolivarischen Revolution“ - benannt nach dem südamerikanischen Unabhängigkeitskämpfer Simon Bolivar - war die Opposition Sturm gelaufen. Doch konnte sich Chavez trotz aller Unkenrufe auf seine Klientel, die Armen im Land, verlassen. 1999 trat er mit 44 Jahren als jüngster Präsident Venezuelas das Amt erstmals an. Nach der Annahme einer neuen Verfassung gewann Chavez auch 2000 mit klarer Mehrheit die Präsidentschaftswahl. 2002 überstand er einen Putsch. 2006 gewann er die nächste Wahl und am 7. Oktober 2012 triumphierte er mit über 55 Prozent so klar, dass die Opposition den Sieg rückhaltlos anerkannte.

Diktaturähnliche Zustände

Immer wieder konnte Chavez zu Recht „Venceremos“ (Wir werden siegen) rufen - und das zum Ärger seines „Lieblingsfeindes“, den USA, die der wortgewaltige Venezolaner kategorisch als „Yankee-Imperium“ titulierte. Freundschaften pflegte der Ex-Oberstleutnant hingegen in seiner Regierungszeit zu zweifelhaften Kollegen, wie Mahmoud Ahmadinejad (Iran), Syriens Bashar al-Assad, Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi und Alexander Lukaschenko in Weißrussland. Die Castros auf Kuba waren bis zu seiner allerletzten Stunde engste Weggefährten.

Nach Ansicht vieler Oppositioneller schuf Chavez aber diktaturähnliche Zustände in dem südamerikanischen Land, das aufgrund seines immensen Rohstoffreichtums zu den größten Ölexporteuren der Welt zählt. Er regierte mit Dekreten, enteignete große Multis, schloss Radio- und TV-Stationen und sympathisierte mit den marxistischen FARC-Rebellen in Kolumbien. Zudem war Chavez omnipräsent in Venezuela.

Sichtlich wohlfühlte sich Chavez, wenn er von Ladeflächen auf Wahlkampflastwagen zu Tausenden seiner Anhängern sprach, die ihn mit einem Meer aus roten Fahnen stets triumphal empfingen. Immer wieder hatte er seinen Widersachern trotzig und donnernd zugerufen: „Uh, Ah, Chavez no se va!“ (Chavez geht nicht).

Der Staatschef musste sich nicht der Opposition und auch keinen Putschisten beugen, sondern letztlich nur der Krankheit. Von seinem Wunsch nach einem einheitlichen sozialistischen Venezuela aber ist das Land am ersten Todestag des „Comandante“ weiter weg als zu dessen Lebzeiten. (Helmut Reuter arbeitet für die deutsche Presse Agentur.)


Kommentieren


Schlagworte