Kals: „Cold Case“ um Gletscherleiche am Gradetzkees geht weiter

Objekte eines 1929 im Eis entdeckten Osttiroler Wilderers sind derzeit in Bozen ausgestellt. Der Fundort wird heuer erneut ins Visier genommen.

Von Claudia Funder

Kals –Eine Taschenspindeluhr mit bemaltem Zifferblatt, ein Gewehr mit Lederriemen und ein Taschen-Klappmesser mit verziertem Griff – diese Relikte sind derzeit Teil der Sonderausstellung „Frozen Stories – Gletscherfunde aus den Alpen“ im Archäologiemuseum Bozen. Und sie gehörten einst dem Osttiroler Wilderer Norbert Mattersberger, der einst 43-jährig am Gradetzkees in Kals zu Tode kam.

Harald Stadler, Leiter des Instituts für Archäologien Innsbruck und einer der Ideengeber für die Schau in Südtirol, bearbeitet den Fall seit Mitte der Neunzigerjahre wissenschaftlich. Er ist auch im Besitz einer fotografischen Aufnahme, die am 9. August 1929 – unmittelbar vor der Bergung der Gletscherleiche – von der Polizei erstellt wurde.

Norbert Mattersberger wurde 1796 in Matrei geboren, arbeitete zuletzt als Knecht in der Rotte Stein und war Wilderer. Nachdem er von einem heimlichen Jagdausflug nicht mehr heimgekehrt war, galt der Osttiroler seit 1839 als vermisst. „1929 wurde die ausgeaperte Leiche in 2800 Metern Seehöhe auf dem Gletscher liegend entdeckt. Bis heute fehlen der Kopf und ein Unterschenkel“, erklärt Harald Stadler. „Der Torso wurde noch im Fundjahr auf dem Friedhof in Kals beigesetzt.“

Einige Relikte, die der Mann bei sich trug, werden nun in der Ausstellung in Bozen präsentiert. Darunter auch besagte Taschenuhr, deren Zeiger auf 3.30 Uhr stehen geblieben waren. „Es fehlt allerdings noch einiges – etwa die Schuhe, ein Bergstecken und der Hut“, nennt der Archäologe einige Objekte der Liste.

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Der Gletscher ist weiter abgeschmolzen. Stadler möchte sich deshalb bald vor Ort ein Bild machen, um weitere Erkenntnisse zu gewinnen. „Ich habe vor, heuer am Fundort eine Nachbegehung zu machen“, verrät er. Die Suche nach den fehlenden Objekten soll im August oder September stattfinden, mit einer kleinen Gruppe von Bergrettern und Studenten der Archäologien. Ob die Aktion gelingt, hängt auch von einem unbeeinflussbaren Faktor ab. „Das Wetter könnte zum Problem werden“, weiß Stadler.

Mit der Schau in Bozen soll vor allem auch das Bewusstsein der Besucher geschärft werden. Die Gletscherschmelze bringt immer wieder Objekte zum Vorschein, die wichtige Zeugen der Vergangenheit sind und häufig von Laien entdeckt werden.

Unter der wissenschaftlichen Leitung von Harald Stadler, Albert Zink und Walter Parsson wird deshalb ab 6. Juli an der Universität Innsbruck auch eine Summer School „Mummies and Glacial Archaeology“ angeboten – eine Ausbildung für Leute, die an Gletscherarchäologie und Mumienforschung interessiert sind.


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