Gewaltwelle schockt Tirol

Beim Überfall auf eine Tankstelle schoss der Räuber einem Kunden in den Bauch. Ein weiterer Höhepunkt der Gewaltserie, die seit Anfang November für Aufregung sorgt.

Innsbruck –Die Avia-Tankstelle an der Haller Straße in Innsbruck war am Dienstagabend Schauplatz eines ungewöhnlich brutalen Überfalls. So brutal, dass ein 45-jähriger Kenianer notoperiert werden musste. Die Folge eines Bauchschusses.

Es war gegen 21.45 Uhr, als ein mit einer grau-schwarz gestreiften Strickmütze maskierter Räuber den Kassenraum der Tankstelle betrat. Der etwa 1,80 Meter große Täter forderte die Kassiererin in gebrochenem Deutsch auf, ihm das Bargeld auszuhändigen. Mit einer Faustfeuerwaffe in der Hand verlieh er seiner Forderung Nachdruck. „Er war zunächst mit der Beute nicht zufrieden. Die Kassiererin musste aus einer anderen Lade Geld herausholen“, schildert Edmund Wiesbauer vom Landeskriminalamt.

Als der Räuber die Flucht ergriff, nahm ein 45-jähriger Kenianer die Verfolgung auf. „Der Mann ist Stammgast auf der Tankstelle und befand sich beim Überfall in der abgetrennten Bar“, sagt der Ermittler.

Die Zivilcourage büßte der Zeuge mit einer lebensbedrohlichen Verletzung. Wie Wiesbauer vermutet, drehte sich der Räuber nach wenigen Metern um und eröffnete das Feuer. „Das Projektil traf den Mann in den Bauch. Der 45-Jährige musste noch in der Nacht notoperiert werden. Sein Zustand ist jetzt stabil, er befindet sich im Tiefschlaf“, weiß Wiesbauer: „Wir werden ihn frühestens am Donnerstag befragen können.“

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Der Täter konnte mit einem dreistelligen Eurobetrag flüchten. Die Fahndung blieb ohne Ergebnis. Auch von der Patronenhülse fehlt trotz intensiver Suche jede Spur: „Vielleicht ein Hinweis, dass der Täter einen Revolver verwendete“, meint Wiesbauer: „Bei diesen Waffen bleibt die Hülse in der Trommel.“ Einen Zusammenhang mit dem Überfall auf eine Brixlegger Tankstelle vor einer Woche schließt Wiesbauer weitgehend aus.

Der Überfall auf die Avia-Tankstelle ist ein weiterer Höhepunkt der Gewaltwelle, die seit vier Monaten das Landeskriminalamt beschäftigt. Zur Erinnerung: Die Serie begann Anfang November mit dem Überfall auf ein italienisches Urlauberpaar. Vier Täter drangen in die Ferienwohnung ein, fesselten die Opfer und stahlen einen hohen Geldbetrag.

Anfang Dezember lauerten zwei Männer dem Filialleiter eines Innsbrucker Supermarktes vor dessen Haustür auf. Die Räuber stülpten dem Opfer einen Sack über den Kopf, drängten den Mann in ein Auto und fuhren zum Supermarkt. Dort zwangen sie den Filialleiter, den Tresor zu öffnen und die Tageslosung auszuhändigen.

Knapp drei Wochen später wurde ein Rattenberger Juwelier Opfer eines brutalen Räubers: Der Täter bedrohte den Mann mit einer Schusswaffe, fesselte ihn, stahl Schmuck und Bargeld und ergriff die Flucht.

In der Nacht zum 12. Jänner wurde in Kufstein die französische Studentin Lucile K. ermordet. Da Handy und Handtasche des Opfers seither verschollen sind, vermutet die Polizei einen Raubmord.

Mitte Februar stoppten als Polizisten getarnte Räuber auf der Autobahn bei Hall einen Geldtransporter, fesselten den Fahrer, stießen ihn über eine Böschung und brachen auf einem Parkplatz den Tresor im Laderaum auf. Die Täter konnten unerkannt entkommen.

Walter Pupp, Chef des Landeskriminalamtes, bestätigt „einen leichten Gewaltanstieg“ in den vergangenen Monaten. „In Tirol gibt’s aber normal nur wenige und nicht sehr qualifizierte (professionelle; Anm.) Überfälle“, relativiert er.

Auch Gerichtspsychiater Reinhard Haller erkennt eine Steigerung bei brutalen Raubüberfällen. Er führt dies auf gesellschaftliche Entwicklungen zurück, wie etwa „steigende Armut, die EU-Erweiterung oder Drogenproblematik“. Bei derartigen Überfällen müsse man aber klar die Tätergruppen unterscheiden. „Professionelle Räuber sind sicherlich entschlossener und brutaler. Dem gegenüber stehen Menschen, die aus einer Not oder Sucht heraus alles auf eine Karte setzen.“ Täter, die schon mehrfach Überfälle durchgeführt haben, würden sich auch nicht in einer Ausnahmesituation befinden. „So ein Mensch hat sich sicher schon im Vorfeld mit dem Gedanken befasst, sich notfalls den Weg freizuschießen.“ (tom, mw)

Videos: Kriminalität in Tirol seit November

Tankstellen-Überfall: Kunde mit Bauchschuss niedergestreckt

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Ein Schwerverletzter nach einem besonders brutalen Überfall auf die AVIA-Tankstelle in Innsbruck. Der unbekannte Räuber schießt einem 45-jährigen Kenianer in den Bauch. Der Tankstellen-Kunde muss notoperiert werden.

Brixlegg: Überwachungskamera filmt Überfall

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Sechs Tage zuvor, in der Nacht auf Mittwoch, den 19. Februar, wurde eine Tankstelle in Brixlegg überfallen. Die Polizei veröffentlicht das Video der Überwachungskamera. Der Gang des Täters sei auffällig, heißt es dazu seitens des Landeskriminalamtes.

Spektakulärer Überfall auf Geldtransporter

3.

Ein Geldtransporter wurde am 14. Februar auf der A12 bei Hall von drei bewaffneten Tätern überfallen. Die Räuber hatten sich dabei als Polizisten ausgegeben. Der Lenker wurde gefesselt und geknebelt.

Mord an französischer Studentin schockiert Tirol

4.

In der Nacht zum 12. Jänner wurde in Kufstein die französische Studentin Lucile K. ermordet. Da Handy und Handtasche des Opfers seither verschollen sind, vermutet die Polizei einen Raubmord.

Überfall auf Juwelier in Rattenberg

5.

Am 20. Dezember wurde ein Rattenberger Juwelier Opfer eines brutalen Räubers: Der Täter bedrohte den Mann mit einer Schusswaffe, fesselte ihn, stahl Schmuck und Bargeld und ergriff die Flucht.

6. Filialleiter wird erneut Opfer eines brutalen Überfalls

6.

Anfang Dezember lauerten zwei Männer dem Filialleiter eines Innsbrucker Supermarktes vor dessen Haustür auf. Die Räuber stülpten dem Opfer einen Sack über den Kopf, drängten den Mann in ein Auto und fuhren zum Supermarkt. Dort zwangen sie den Filialleiter, den Tresor zu öffnen und die Tageslosung auszuhändigen.


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