Tänzerleben in effektvollen Episoden

Enrique Gasa Valgas neues Tanzstück „Körper.Seelen“ ist eine Hommage an sein Ensemble, bei der Männer in Tutus aus Bäumen fallen, man sich aber nicht genug auf die Erzählkraft der Körper verlässt.

Unter ständiger Beobachtung auf der Suche nach der Perfektion: Roilán Ramos Hechavarria in „Körper.Seelen“ im Landestheater.
© Larl

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –Der Alltag, die Sorgen und Nöte, das Glück und die Leidenschaft, die harten Proben, auch die Verbundenheit der 16 Mitglieder des Tänzer-Ensembles am Tiroler Landestheater ließe sich auch filmisch ganz gut festhalten. Und man ließ das Medium nicht ungenutzt: Aufnahmen von Proben, Interviews und Statements flimmern über die hintere Bühnenwand, „mein Körper gehört nicht nur mir, sondern auch dem Publikum“, wird da etwa festgestellt. Dass der Tanz auch Leben bedeute. Und wie sehr man sich als Tänzer öffnet, „alles zeigt“.

Wie lässt sich das in eine Choreographie überführen? Tanztheater-Chef Enrique Gasa Valga wählte einen Reigen aus 18 kurzen Episoden – die „Routine“ (an der Ballettstange), die „Schwerelosigkeit“, die „Erschöpfung“, die „Gruppe“, auch „Kritik“ kommt vor: In eingeblendeten Zeitungsartikeln und -seiten, die dann begleitet von Schreibmaschinengeratter als raschelnde Röcke der Tänzer wiederkehren (Kostüme: Andrea Kuprian).

Gasa Valga ist ein Freund des Narrativen, das sich vor allem in seinen Künstlerporträts u. a. von Frida Kahlo, Georg Trakl oder Ludwig van Beethoven prächtig umsetzen ließ. „Körper.Seelen“ will eine andere Geschichte erzählen, die auch andere Mittel verlangt: Es geht um die Individuen im Ensemble, um eine Innenschau, um das, was die Körper auch über die Seelenlage zu erzählen haben. Aber gerade was die Erzählkraft des Körpers betrifft, könnte das Stück mehr Ausbrüche aus bekannten Bewegungsabläufen und Aufbrüche ins Experimentelle, Unerwartete vertragen, um auch tänzerisch in den Tiefen der Seele zu schürfen. Die an der Oberfläche überaus effektvoll in Szene gesetzt werden: Die schön gemachten Videoprojektionen von Albert Serradó, zu deren Gunsten sich die Bühne von Helfried Lauckner elegant zurückhält, sind zusammen mit Sound-Arrangements von Kenneth Winkler Bindeglieder im Wechsel aus Soli, Pas de Deux und Ensembles. Manchmal auch begleitend eingesetzt, wie in jener überaus gelungenen Szene, in der Marie Stockhausen und Leoannis Pupo-Guillen zeigen, wie viel körperliche Nähe dieser Beruf unweigerlich mit sich bringt.

Beeindruckend bleibt Gasa Valgas Ideenreichtum, wenn es darum geht, mit oft einfachsten Mitteln umwerfende Bilder entstehen zu lassen, etwa ein wogendes Meer aus Fallschirmseide, in dem es sich tanzend versinken lässt. Mit Männern, die in Spitzenröckchen aus Bäumen fallen, hat man diesmal sogar einen Stunt zu bieten, der für allgemeine Heiterkeit sorgt. Die überhaupt die Conclusio dieses Selbstporträts ist, das auch musikalisch durch alle Gemütslagen tanzt: von Pink Martini über Bach und Arvo Pärt bis Fatboy Slim. Dass ausgerechnet auch jenes Stück von Peter Kollreider auftaucht, zu dem die Tanzcompany in einem Kino-Werbespot für seinen Sponsor tanzt, wirkt etwas befremdlich. Immerhin: Einen eigenen Sponsor gefunden zu haben, zählt auch zu den Eigenheiten dieses Ensembles. Die Einladung, dieses noch näher kennen zu lernen, nahm das Publikum bei der Uraufführung am Samstag frenetisch jubelnd an.

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