Vor der Oscar-Verleihung: Autoren im Abseits von Hollywood

Die Favoriten im diesjährigen Oscar-Rennen basieren auf Drehbüchern, die schon vor 20 Jahren geschrieben wurden.

Von Peter Angerer

Innsbruck – Einer der traurigen Momente bei der diesjährigen Oscar-Zeremonie wird dem Gedenken an den am 2. Februar verstorbenen Schauspieler Philip Seymour Hoffman gewidmet werden, der wie kein anderer Star in den vergangenen Jahren das Schauspiel im Kino beeinflusst hat. Für seine Darstellung des Schriftstellers Truman Capote bei der Recherche zu dessen Dokumentarroman „Kaltblütig“ gewann Hoffman 2006 einen Oscar.

Die hyperrealistische Darstellung des legendären und schwulen Schriftstellers durch Hoffman dürfte Journalisten des National Enquirer inspiriert haben, dem an einer Überdosis verstorben Star eine Liaison mit dem Autor David Katz anzudichten, schließlich war es Katz, der Hoffman tot aufgefunden hatte. Wegen dieser Klatschgeschichte brachte der Autor eine 50-Millionen-Dollar-Klage gegen den Verlag ein, die außergerichtlich mit der Gründung einer Stiftung beendet wurde, von der künftig jedes Jahr ein Autor mit dem „Relentless Award“ (Unnachgiebigkeitspreis) ausgezeichnet und mit 45.000 Dollar belohnt werden soll, denn die Mehrheit der Drehbuchautoren in Hollywood kann von der Schreibarbeit nicht existieren. Damit hat Katz nicht nur auf den menschverachtenden Umgang mit Menschen durch manche Medien, sondern auch auf die soziale Situation einer Berufsgruppe hingewiesen, die nur am Rand der Traumfabrik geduldet wird. Einen Beleg für diesen Befund liefern in diesem Jahr die besten Arbeiten, die alle mit einem Akademiepreis belohnt werden könnten.

Craig Borten war 1992 noch kein professioneller Autor, aber nach mehreren Gesprächen mit dem im Sterben liegenden texanischen Cowboy und Elektriker Ron Woodroof schrieb er sein erstes Drehbuch „Dallas Buyers Club“, das er 1993 an ein Hollywood-Studio verkaufen konnte. In seinem Skript erzählte Borten von der skandalösen Gesundheitspolitik der Reagan-Administration im Umgang mit Aids, das für die Regierung bloß die „Schwulenseuche“ und damit eine „Strafe Gottes“ war. 20 Jahre musste Borten ohne Folgeauftrag auf die Realisierung seines Drehbuchs warten, bis Matthew McConaughey das Potenzial des Projektes erkannte. Beide, Borten und McConaughey, sind Favoriten im Oscar-Rennen, Borton avancierte zudem nach langer Arbeitslosigkeit zum Shootingstar.

Nach einer Episode für eine TV-Serie, die Eric Warren Singer 1995 geschrieben hatte, wollte der Autor den Beruf schon wieder an den Nagel hängen und recherchierte als letzten Hollywood-Strohhalm einen Politskandal aus dem Jahr 1978. Daraus wurde sein Thriller-Drehbuch „American Bullshit“, das David O. Russell in die Komödie „American Hustle“ verwandelte, die für zehn Oscars nominiert ist.

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Bob Nelson hatte immerhin einen sicheren Job als preisgekrönter Journalist und Radio- und TV-Produzent, als er dem Regisseur Alexander Payne sein „Nebraska“-Skript zukommen ließ, das jedoch erst nach zwölfjähriger Wartezeit realisiert werden konnte. Inzwischen stehen alle großen Studios bei Nelson Schlange.

Natürlich lassen sich viele Vermutungen über die Hintergründe endloser Ignoranz anstellen. Oft geht es um den richtigen Augenblick, ein Projekt zu lancieren. Der Erfolg spricht für diese Sicht. Andererseits erleichtert zeitliche Distanz mutige Entscheidungen. Das heißt in Hollywood dann Retrokult.

Oscars – Die wichtigsten Nominierungen

Favoriten: „American Hustle“ und „Gravity“ führen mit jeweils zehn Nominierungen, mit neun Nennungen folgt „12 Years a Slave“, „Captain Philips“, „Nebraska“ und „Dallas Buyers Club“ zählen sechs Nominierungen, „Her“ und „The Wolf of Wall Street“ immerhin fünf.

Bester Film: „American Hustle“, „Captain Phillips“, „Dallas Buyers Club“, „Gravity“, „Her“, „Nebraska“, „Philomena“, „12 Years a Slave“, „The Wolf of Wall Street“.

Beste Regie: David O. Russell für „American Hustle“, Alfonso Cuaron für „Gravity“, Alexander Payne für „Nebraska“, Steve McQueen für „12 Years a Slave“, Martin Scorsese für „The Wolf of Wall Street“.

Bester Schauspieler: Christian Bale in „American Hustle“, Bruce Dern in „Nebraska“, Leonardo DiCaprio in „The Wolf of Wall Street“, Chiwetel Ejiofor in „12 Years a Slave“, Matthew McConaughey in „Dallas Buyers Club“.

Beste Schauspielerin: Amy Adams in „American Hustle“, Cate Blanchett in „Blue Jasmine“, Sandra Bullock in „Gravity“, Judi Dench in „Philomena“, Meryl Streep in „August: Osage County“.

Bester Nebendarsteller: Barkhad Abdi in „Captain Phillips“, Bradley Cooper in „American Hustle“, Michael Fassbender in „12 Years a Slave“, Jonah Hill in „The Wolf of Wall Street“, Jared Leto in „Dallas Buyers Club“.

Beste Nebendarstellerin: Sally Hawkins in „Blue Jasmine“, Jennifer Lawrence in „American Hustle“, Lupita Nyong’o in „12 Years a Slave“, Julia Roberts in „August: Osage County“, June Squibb in „Nebraska“.


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