Ein Leben nach dem Überfall

In den vergangenen Wochen und Monaten gab es viele brutale Straftaten. Für die Opfer ist die Rückkehr an den Arbeitsplatz besonders schwer.

Von Marco Witting

Innsbruck –Zurück am Arbeitsplatz, an dem alles passiert ist. Zurück in den eigenen vier Wänden, in die Unbekannte gewaltsam eingebrochen sind und auch in der eigenen Seele Scherben hinterlassen haben. Zurück im Alltag. Wo alles normal scheint. Und nichts mehr normal ist. Wenige Tage nach Gewaltverbrechen gehört die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit den Tätern und der Jagd nach ihnen. Doch wo bleiben die Opfer?

In den vergangenen vier Monaten erlebte Tirol gleich mehrere Überfälle, die mit ungewöhnlicher Brutalität begangen wurden. Darunter Überfälle auf Geldtransporter, Supermärkte und vor wenigen Tagen erneut eine Tankstelle. Im letzten Fall erlitt ein Zeuge, der versuchte den Täter zu verfolgen, einen Bauchschuss.

Für alle Beteiligten traumatische Erlebnisse, die verarbeitet werden müssen. Auch für Zeugen. „Diese schrecklichen Erlebnisse kann man nicht löschen, aber sie müssen verarbeitet werden, damit die Menschen wieder zurück in die Spur finden“, sagt Lucas Lorenz, Landesleiter der Opferschutzorganisation Weisser Ring. Klar sei: Je früher die Aufarbeitung erfolgt, desto besser.

Gerichtspsychiater Reinhard Haller erklärt, dass es „Tage, Wochen, Monate“ dauern kann, bis die Erinnerungen, etwa an einen Überfall am Arbeitsplatz, hochkommen. „Wenn es nicht behandelt wird, können daraus Depressionen, Schlafstörungen, Angstzustände entstehen.“ Und Haller sagt weiter, dass „rund die Hälfte der Betroffenen nach einer solchen Erfahrung den Job wechseln muss“.

Hier kritisiert Lorenz einige Arbeitgeber. „Der Chef als Psychologe ist keine gute Idee. Manchmal wird auch erwartet, dass es gleich wieder weitergeht. Aber die Rückkehr zum selben Ort und zur selben Tätigkeit kann sehr belastend sein.“ Lorenz würde sich wünschen, dass man seitens der Betriebe Hilfe von außen holt. Aber: „Da stößt man teilweise auf Granit.“

Der Landesleiter erkennt momentan nicht, dass es eine extreme Steigerung von Gewaltverbrechen gibt. Man müsse dies über einen längeren Zeitraum beobachten. Objektiv könne es Abstufungen in der Brutalität der Taten geben. Subjektiv könne aber schon ein kleinerer Übergriff Traumata auslösen. Lorenz: „Jeden trifft es in einer anderen Lebenssituation. Und wenn in der aktuellen Lage etwas nicht passt, dann fehlt oft das Werkzeug, um den Übergriff wegzustecken.“

So komme es eben auch vor, dass Menschen nach einem Einbruch in die eigene Wohnung das Domizil wechseln müssen. Der Weisse Ring fordert deshalb verstärkte Hilfe für Einbruchsopfer. Eine Prozessbegleitung für Menschen, in deren Heime eingebrochen wurde, wird unter anderem gefordert.

Lorenz sieht in der psychischen Aufarbeitung ein deutliches Stadt-Land-Gefälle. „Wenn jemand in einem kleinen Ort Opfer eines Gewaltverbrechens wird, dann kommt die ganze Gemeinde zusammen und hilft. In der Stadt sieht das schon anders aus.“ Dementsprechend würden auch die unterschiedlichen Opfereinrichtungen in Anspruch genommen.


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