Tödliche Gewaltakte gegen sich selbst

Die Suizidrate steigt im Alter dramatisch an. Manchmal reißen Betroffene den Partner mit in den Tod.

Von Elke Ruß

Innsbruck –Im November erschoss ein 84-Jähriger im Linzer AKH seine kranke Frau und tötete sich durch einen Schuss in den Mund. Die Frau war nach einer Gehirnblutung im Spital, erholte sich aber gut. Erst wenige Wochen zuvor hatte im Kleinwalsertal ein 75-Jähriger seine Frau (73) und dann sich selbst mit einem Jagdgewehr getötet. Die Schlaganfallpatientin war nach der Reha erst wenige Stunden daheim. Hinweise auf Tötung auf Verlangen gab es offenbar nicht.

Rat und Hilfe

Bei über 75-Jährigen liegt die Suizidrate bei jährlich 56 Fällen pro 100.000. Meist liegt eine psychiatrische Erkrankung zugrunde. Depression ist auch im Alter nicht „normal“ – und behandelbar.

Ansprechen: Wer vermutet, dass jemand Suizidgedanken wälzt, sollte ihn direkt ansprechen. Betroffene bringen oft selbst nicht den Mut dazu auf, sind aber erleichtert, endlich darüber reden zu können.

Anlaufstellen: Ein wichtiger Ansprechpartner ist der Hausarzt. Beratung bietet auch der Psychosoziale Dienst von pro mente tirol (Tel. 0512/58 90 51; alle Bezirksstellen: www.gpg-tirol.at). Immer erreichbar ist die Telefonseelsorge, Tel. 142. Notfälle wenden sich auch an die Ambulanz der Klinik für Psychiatrie, Tel. 504/23648.

Vorbeugen: Jeder kann selbst dazu beitragen, sein Wohlbefinden zu heben. Aktiv und kreativ sein, sich bewegen und etwas Neues lernen ist auch mit Gebrechen und Einschränkungen noch möglich.

Kontakte pflegen: Ältere sollten bewusst Kontakte auch zu Jüngeren pflegen, damit jemand da ist, wenn sie Gleichaltrige verlieren. Auch Senioren haben Talente und Erfahrung, die sie einbringen können. Und sie sollten bereit sein, um Hilfe zu bitten, wenn es nötig ist.

Meist aber richten verzweifelte Senioren Gewaltakte nur gegen sich selbst: Zwar sank in Österreich die Suizidrate binnen 25 Jahren von 28 auf derzeit etwa 15 pro 100.000 Personen und Jahr, erklärt Eberhard Deisenhammer, Oberarzt und Leiter der Gedächtnissprechstunde an der Innsbrucker Psychiatrie. Im Alter steigt sie aber massiv. „Bei Männern jenseits der 85 töten sich 110 auf 100.000 Menschen, bei Frauen mehr als 40“, weiß Hartmann Hinterhuber, der Präsident von pro mente tirol.

2012 starben laut Statistik Austria in Österreich 468 Menschen in der Altersgruppe 65+ durch Suizid bzw. Selbst­schädigung. 343 waren Männer, ihre Methoden sind meist gewaltsam. Frauen nehmen eher Tabletten oder gehen ins Wasser. Sie seien „schlauer“, sagt Deisenhammer, und wählten oft Wege, „bei denen man sie vielleicht noch rechtzeitig findet“.

Die Ursachenforschung bei Überlebenden von Suizidversuchen bzw. bei Angehörigen von Selbstmördern ergab einen dramatischen Befund: In 95 Prozent lag eine (unbehandelte) psychiatrische Erkrankung zugrunde, erklärt Deisenhammer. Gerade bei Männern bleiben Depressionen oft unerkannt, weil sie sich auch in Aggression (und Alkoholmissbrauch) äußern. „Im Alter kommen meist noch körperliche Erkrankungen dazu.“ Wobei selbst eine tödliche Krankheit allein keine höhere Selbstmord­rate bedingt. Meist spielt ein Paket von Gründen mit: Gebrechen und Hilfsbedürftigkeit, Ohnmacht, das Gefühl, zur Last zu fallen, der Verlust von Macht und Einfluss, der Selbstständigkeit und der eigenen vier Wände, Isolation und Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Resignation.

Was aber steckt dahinter, wenn ein (meist männlicher) Senior erst den Partner tötet und dann sich selbst? Beim erweiterten Selbstmord hat der Täter nicht selten „altruistische Motive“, erklärt Hinterhuber: Er erlebe altersbedingte Lebenserschwernisse als „unüberwindbare Last“ und projiziere diese Sicht auch auf den anderen. So gelte es, die Frau zu erlösen, damit sie nicht hilflos zurückbleibt. Es gebe aber auch „die narzisstische Form des erweiterten Selbstmordes: Ich bin so groß und einmalig, und wenn es mich nicht mehr gibt, können auch andere nicht mehr sein.“

In der Regel senden Betroffene vorher Signale: „Ich wollte dich noch einmal besuchen“, kann so ein versteckter Abschied sein. Hellhörig machen sollte auch die Aussage: „Die verschriebenen Medikamente hab ich alle zuhause lagern.“ Auch wenn es Angst macht, sollte man den Betreffenden im Verdachtsfall direkt ansprechen, betont Deisenhammer. „Und man soll überlegen, wen man helfend beiziehen kann: Vielleicht geht er nicht zum Psychiater, aber doch zum Hausarzt.“


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