Fundamentale Gründe fürs Leben

Die Basis von Thomas Arzts Schauspiel „Alpenvorland“ ist die Mittelschicht.Fabian Kametz fühlt ihr in den Kammerspielen kunstvoll auf den Zahn.

Beim Heidelberger Stückemarkt 2012 wurde Thomas Arzt für „Alpenvorland“ mit dem Autorenpreis ausgezeichnet.
© TLT/Larl

Von Christiane Fasching

Innsbruck –Hannes will seinem Leben einen Grund geben. Im wörtlichen und übertragenen Sinn. Für sich und sein Herzblatt Heidi hat der Mit-Dreißiger ein Fleckerl Erde gekauft – hier soll das Fundament für eine gemeinsame Zukunft entstehen, in der man das Gästezimmer auch problemlos zum Kinderzimmer umfunktionieren könnte. Doch bevor das Häuschen am Land Formen annimmt, werden die Freunde aus Jugendtagen eingeladen – um Bier zu trinken, (Bio)würstln zu grillen und über gestern, heute und morgen zu quatschen. Früher war das ja auch kein Problem.

„Alpenvorland“, das Schauspiel des oberösterreichischen Dramatikers Thomas Arzt, das am Sonntag in den Kammerspielen Premiere hatte, fängt harmlos an. Bleibt’s aber nicht lang. Ins scheinbar harmlose Geplänkel unter Freunden schleichen sich zusehends handfeste Konflikte ein – eingeklemmt zwischen rauschendem Bächlein und im Akkord befahrenen Bahnschienen droht der Frühlingsnachmittag im Grünen zu entgleisen. Die Mittelschichts-Clique hadert mit dem Ernst des Erwachsenenlebens: Fixvertrag, Bankschulden, Babybauch – war das Leben früher auch schon so kompliziert? Noch an zwei weiteren Tagen – im Hochsommer und im Spätherbst – treffen sich die Männer und Frauen, die sich selber wohl lieber als Buben und Mädchen sehen würden, und strampeln sich mit Beziehungs- und Finanzproblemen ab. Partner werden getauscht, Affären vertuscht, Traumata mit einem kühlen Blonden runtergespült. Zumindest wird’s probiert – aber am Ende bleibt doch die Weisheit übrig: „Wo Menschen sind, sind Katastrophen.“

In der ideenreichen Regie von Fabian Kametz zeigt sich „Alpenvorland“ als tiefgründige Seelenschau einer mit sich hadernden Generation, die Rotwein kauft, aber lieber Bier trinkt, die erwachsen tut, sich dann aber doch in infantilen Illusionen verliert. Die schräge Bühne (Martin Kinzlmaier) wird nach hinten von einer Videowall begrenzt, auf der stetig Züge durchs Geschehen rauschen – und die Handlung aufhalten. Das schafft Platz für Monologe und gibt dem ohnedies starken Text von Thomas Arzt noch mehr Raum. Doch auch das Kollektiv kommt zu Wort und sinniert als Chor – mit mechanisch-rhythmischem Sprech – über Hund und Herrl, Großmutter und Urenkerl, Heimat und Freiheit, Sauerkraut und Herrgottswinkel. Warum in diesen wiederkehrenden Momenten sechs Lampenschirme von der Decke kommen, unter denen sich das siebenköpfige Ensemble auffädelt, bleibt allerdings unklar. Untermalt werden die Chorszenen von Herbert Pixners alpinem Ambient-Sound, der vor allem in der zweiten Hälfte der zweieinhalbstündigen Inszenierung richtig ins Ohr geht.

Durchwegs stark ist die schauspielerische Leistung: Kristoffer Nowak überzeugt als Häuslbauer Hannes, der stur die Baugrube für sein vermeintliches Glück aushebt. Marion Fuhs verleiht der straighten und auf Sicherheit bedachten Heidi ein glaubhaftes Profil. Auch dann als sie Hannes den Laufpass gibt und mit dem pragmatischen Banker Alf (Timo Senff) die Zweisamkeit probiert. Lisa Hörtnagl haucht der toughen Vroni ein eigenständiges und aneckendes Profil ein – ob mit oder ohne Babybauch. Falk Seifert pendelt als grenzgängerischer Moritz gekonnt zwischen Freak und Freund, während Nikola Rudle in der Rolle von Heidis Schwester Sopherl besticht – egal ob als Unruhe stiftendes Luder oder als verletzliches, nach Nähe gierendes Mädchen. Bimbo, den guten „Latsch“ der Freundesrunde, der lieber Johnny genannt werden würde, spielt indes Sergej Gößner herrlich unaufgeregt. Leichte Kost ist „Alpenvorland“ keine: Die Probleme dieser Mittelschicht liegen einem im Magen. Wie die üppige Sahnetorte, in der die Clique wühlt.


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