Das Geschäft mit der Flucht blüht

Die Zahl illegal nach Österreich eingereister Personen nahm im Vorjahr auch in Tirol stark zu. Die Polizei befreite über 700 Personen aus den Fängen von Schleppern. Eine Hauptursache ist der Syrienkrieg.

Von Christoph Mair

Innsbruck –Sie machen ihren Profit mit dem Leid und der Sehnsucht anderer Menschen. Schlepperorganisationen bringen Flüchtlinge gegen viel Geld von den Krisenherden dieser Welt auf illegalem Weg in sichere Regionen, meist in Mittel- und Nordeuropa.

Immer wenn sich neue Brandherde auftun, brechen für die Kriminellen gute Zeite­n an. So auch im Jahr 2013, in dem die Bilanz für Tirol einen dramatischen Anstieg bei Opfer­n von Schleppern zeigt. Verantwortlich dafür sei in erster Linie der Bürgerkrieg in Syrien und die dadurch ausgelöste Fluchtwelle.

Im Vorjahr habe die Polizei in Tirol mit 727 rund zweieinhalb mal so viele Personen aufgegriffen, die nachweislich mit Hilfe eines Schleppers illega­l nach Österreich eingereist sind, heißt es auf TT-Anfrage aus dem zuständigen Ermittlungsbereich des Landes­kriminalamtes (LKA). Auch die Gesamtzahl der illega­l eingereisten bzw. aufhältigen Personen, wie es im Polizeijargon heißt, hat sich auf über 3900 mehr als verdoppelt.

Bei den Nationalitäten führen wenig überraschend Menschen aus Syrien vor jenen aus Pakistan und Nigeria die Statistik an. Wenig verwunderlich ist auch, dass die Routen der Schlepper meist von Süd nach Nord über den Brenner gehen. Zwei Drittel der Aufgriffe fanden im Zug, der Rest bei Kontrollen auf der Autobahn und im Innsbrucker Stadtgebiet statt.

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Tirol und Österreich seien mit Ausnahme von Tschetschenen und teilweise Syrern Transitland. Die Ziele der Schlepper und ihrer Opfer liegen meist in den skandinavischen Staaten, sagt Oberst Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität und des Menschenhandels im Bundeskriminalamt.

Für den illegalen Weg über Grenzen zahlen die Menschen mit Ausgangspunkt in Griechenland rund 2500 bis 4000 Euro, berichtet Tatzgern. Bei einer Schleppung aus einem der Heimatländer der Flüchtlinge wie Afghanistan nach Europa seien bis zu 10.000 Euro pro Person an die Täter fällig. Auch im schmutzigen Schleppergeschäft gelte der Grundsatz, dass eine Schleppung umso teurer werde, je schneller und angenehmer sie sein soll, weiß Tatzgern. Der Großteil der armen Opfer sei zwischen dem Ladegut in Lkw oder in Kleinbussen unterwegs. Teilweise seien die Verstecke lebensgefährlich. Vor zwei Jahren habe die Polizei in Zöbern (Niederösterreich) 64 Personen nach 30 Stunden aus ihrem kalten Gefängnis, einem Kühl-Lkw, befreit. Mit dem Aufgriff der Opfer gingen der Polizei allein in Tirol im Vorjahr 91 Schlepper ins Netz, nach 49 im Jahr 2012.

Für Gerald Tatzgern besteht eine klare Grenze zwischen Fluchthelfern und Schleppern. „Schlepper machen das nicht aus gutem Herzen, sondern wegen des kriminellen Profits. Das sind skrupellose Kriminelle“, rechtfertigt der Expert­e den verstärkten Einsatz der Polizei und die Bemühungen um eine bessere europaweite Zusammenarbeit. Auch wenn er weiß, dass der Kampf gegen das Schlepperunwesen einem gegen Windmühlen gleicht. Denn für einen, der gefasst wird, rücken sofort andere nach. Tatzgern schätzt, dass allein in Griechenland rund 200 Gruppen aktiv sind. In den Herkunftsländern würden sich die Schlepper sogar in den Lagern unter die Flüchtlinge mischen, um verzweifelte Opfer zu finden.

Für Österreich liege die Gesamtzahl der illegal eingereisten Personen noch nicht vor, sagt Tatzgern, der sie bei einem Vortrag Mitte November des Vorjahres in Tirol auf ca. 30.000 geschätzt hatte. Nach über 24.000 im Jahr 2012. Trotz Steigerung werde man jedoch „einiges darunter“ liegen, verrät der Polizeioberst.


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