Verteidiger nahm Schlüsselzeugin in die Mangel

Im Mordprozess gegen Oscar Pistorius geht es hart zur Sache. Im Zeugenstand fließen Tränen, ein Staranwalt muss sich entschuldigen und eine zweite Nachbarin belastet den beinamputierten Sportstar.

Oscar Pistorius mit Verteidiger Barry Roux.
© EPA/Antoine de Ras / Independent

Pretoria – Am Ende ihrer Einvernahme im Mordprozess gegen Oscar Pistorius in Pretoria brach sie weinend zusammen, doch die Nachbarin des südafrikanischen Sprintstars ist bei ihrer Version geblieben: Am Dienstag bekräftigte die von der Verteidigung heftig attackierte Michelle Burger, sie habe in der Todesnacht von Pistorius‘ Freundin eine Frau um Hilfe schreien gehört.

Eine weitere Nachbarin berichtete ebenfalls von einem Streit und später Schüssen. Pistorius dagegen beteuerte dagegen, es habe keinen Streit gegeben.“ Die Ereignisse dieses Abends sind extrem traumatisierend für mich. (...) Ich habe die Panik in der Stimme dieser Frau gehört“, sagte Michelle Burger im Zeugenstand. Die Universitätsdozentin hatte bereits am Montag berichtet, sie habe nach den Schreien gegen 3.00 Uhr nachts vier Schüsse gehört - dies entspricht der Zahl der Schüsse, die Pistorius in der Nacht zum Valentinstag vergangenen Jahres auf seine Freundin Reeva Steenkamp abgab. Pistorius will sie versehentlich erschossen haben, weil er sie für einen Einbrecher gehalten habe.

„Schreie wie die einer Frau“

Verteidiger Barry Roux versuchte am Dienstag erneut, die Glaubwürdigkeit der Nachbarin in Frage zu stellen. Während sie vier Schüsse gehört haben wolle, habe ihr Mann von fünf oder sechs berichtet. Die angeblichen Schüsse seien möglicherweise der Lärm gewesen, als Pistorius mit einem Cricketschläger seine Badezimmertür zertrümmert habe, nachdem ihm klar geworden sei, dass Steenkamp dahinter war.

Außerdem bezweifelte Roux, dass Burger die Schreie einer Frau gehört habe: „Wenn Herr Pistorius sehr große Angst hat, klingen seine Schreie wie die einer Frau.“ Eigentlich könne Burger, deren Haus 177 Meter von dem von Pistorius entfernt ist, gar nichts gehört haben, befand der Anwalt schließlich. Das Fenster des Badezimmers, in dem Steenkamp erschossen wurde, sei geschlossen gewesen. „Man kann so laut schreien wie man will, gehen Sie 177 Meter und sagen Sie uns, ob Sie den Schrei hören“, sagte Roux.

Tränen vor Gericht

Der Verteidiger wurde zwischenzeitlich derart aggressiv, dass die Richterin ihn nach einer besonders sarkastischen Bemerkung zu einer Entschuldigung zwang. Die Anspannung im Saal wuchs weiter, als eine Beschreibung von Steenkamps Todesumständen verlesen wurde. Pistorius‘ Verteidiger argumentierte, die junge Frau hätte mit einer Schussverletzung am Kopf gar nicht mehr schreien können. Staatsanwalt Gerrie Nel wies darauf hin, dass erst der letzte von vier Schüssen das Opfer am Kopf getroffen habe. Als Nel nochmals Burger befragte, brach diese zusammen. „Wenn ich unter der Dusche stehe, höre ich ihre Schreie wieder. Diese entsetzlichen Schreie“, schluchzte sie.

Der an beiden Unterschenkeln amputierte Pistorius wirkte am Dienstag müde. Nachdem er im Gerichtssaal Platz genommen hatte, begann er zu beten. Der 27-Jährige hatte zu Prozessbeginn am Montag auf nicht schuldig plädiert und erneut von einem „tragischen Unfall“ gesprochen. (APA/AFP/dpa)


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