„Mit pochendem Herzen am Anfang der Dinge“

Zwischen Kriegsbegeisterung, Pflichtbewusstsein und Katastrophenahnung taumelt auch die künstlerische Avantgarde Europas in den Ersten Weltkrieg.

© Bildrecht Wien 2014

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –Aufbruch lautet die Devise zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch in der Kunst, selbstbewusst treten die Avantgardebewegungen auf den Plan, die Moderne ist angebrochen und international bestens vernetzt. Und dann der Weltenbrand, der auch den zuvor so intensiven internationalen Austausch jäh beendet und in der Kunst eine Zäsur darstellt.

Nach wie vor erstaunlich ist, wie viele Künstler sich 1914 mit Begeisterung oder jedenfalls mit Pflichtgefühl und einer Portion Abenteuerlust ins Kriegsgeschehen geworfen haben. An die „reinigende Kraft“ des Krieges glaubt neben den italienischen Futuristen auch der Schöpfer des apokalyptischen Gemäldes „Das arme Land Tirol“ (1913), Franz Marc, der sich im August 1914 freiwillig zum Kriegsdienst im deutschen Heer meldet. In Uniform notiert er noch Anfang 1915: „Ich stehe mit pochendem Herzen am Anfang der Dinge.“ Marc fällt 1916 bei Verdun. Auch bei ihm hatte mit Fortschreiten des Kriegsgeschehens eine gewisse Läuterung eingesetzt. Statt „Reinigung“ finden auch die Künstler im Kriegsdienst Schmutz, Schrecken und Zerstörung. Wassily Kandinsky hatte das im Gegensatz zu Marc, mit dem er 1912 die Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“ gründete, vorausgesehen und vermutet, dass der „Preis der Säuberung“ ganz und gar „entsetzlich“ sein wird.

„Welcher Künstler, ja überhaupt welcher Mensch hätte zu prophezeien gewagt, dass eine solche Flut von Hass, Wut und Starrsinn, wie sie nun hereinbrach, noch möglich wäre?“, fragt sich 1914 der österreichische Zeichner Alfred Kubin, der den „Krieg“ als Ahnung bereits 1903 als einen alles niederstampfenden Koloss dargestellt hat. Das große Trauma hat sich – höchst unterschiedlich – im Werk zahlreicher Künstler niedergeschlagen: In der „Kriegsmappe“ des deutschen Künstlers Otto Dix, bei Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, auch in Werken des Osttiroler Malers Albin Egger-Lienz, dessen Gemälde „Finale“ oder „Leichenfeld“ gemeinhin als Mahnmale gegen den Krieg betrachtet werden, aber auch Ausdruck einer ganz eigenen Haltung und künstlerischen Ausdrucksweise sind (siehe Interview links).

Eine ganze Heerschar an Künstlern aus dem Habsburgerreich ist im Ersten Weltkrieg in der Kunstgruppe des k. u. k. Kriegspressequartiers tätig, darunter Oskar Kokoschka, Ferdinand Andri, Anton Kolig und auch Egger-Lienz. Ähnlich wie mit den Kriegsfotografen verfolgt man mit dem Einsatz von Kriegsmalern und -bildhauern Propagandazwecke. Sie sollen das Kriegsgeschehen künstlerisch dokumentieren, den Alltag an der Front darstellen, Soldatenporträts anfertigen. Es entstehen aber auch viele freie Arbeiten von Künstlern wie etwa Egon Schiele, der Kriegsgefangene porträtiert hat. Und schließlich gibt es auch die gänzliche Verweigerung bzw. Revolte gegen Krieg und Kriegsbegeisterung: ausgedrückt durch den Dadaismus, der sich als Kunstströmung von der neutralen Schweiz aus in Europa verbreitet.


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