Kunst

Der Krieg als pures Schicksal

© Julia Hammerle

Helena Pereña, Kuratorin der Ausstellung „Totentanz“ im Wiener Belvedere, über Albin Egger-Lienz und seine Haltung zum Krieg.

Innsbruck –Eine ganze Reihe von Hauptwerken des Osttiroler Malers Albin Egger-Lienz aus dem Museum Schloss Bruck und den Tiroler Landes­museen wurde bereits vergangene Woche fachmännisch verpackt und nach Wien transportiert. Das Belvedere eröffnet morgen Freitag mit „Totentanz. Egger-Lienz und der Krieg“ den Reigen der großen Kunst-Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg. Kuratiert hat die Schau, die ab Juni in adaptierter Form in Lienz zu sehen sein wird, Helena Pereña, seit vergangenem Herbst Hauptkuratorin der Tiroler Landesmusee­n. Egger-­Lienz’ Werk soll im Belvedere auch in Dialog mit anderen Schlüsselbildern über den Ersten Weltkrieg, u. a. von Otto Dix, Alfred Kubin, aber auch Käthe Kollwitz treten.

Die Kriegsbegeisterung zog sich 1914 durch viele Gesellschaftsschichten, auch die Künstler waren nicht ausgenommen. Woher kam diese Euphorie?

Helena Pereña: Von Unkenntnis. Und man darf die Künstler auch nicht getrennt von der Gesellschaft betrachten. Aber was so etwas bedeutet, kann man sich vorher ja nicht vorstellen. Und viele haben es schnell wieder bedauert.

Egger-Lienz war als Frontmaler für die Kunstgruppe des k. u. k. Kriegspressequartiers tätig. Wie ist er da hineingekommen?

Pereña: Er war kurze Zeit tatsächlich an der Front tätig – in der Nähe von Riva am Gardasee. Dann wurde er aufgrund von Herzproblemen krankgeschrieben. Bei der Kunst­gruppe hat er sich beworben, dazu gibt es auch Briefe im Staatsarchiv.

Es gibt heroische Darstellungen wie die „Dolomitenwacht“ von 1916, aber auch drastische Bilder der Leichenberge wie in „Finale“ 1918. Was sagt das über seine Haltung zum Krieg?

Pereña: Der Einsatz als Frontmaler ist natürlich eine ganz andere Voraussetzung für die künstlerische Tätigkeit als die eines freien Künstlers. Es ist als Beruf zu verstehen. Viele von Egger-Lienz’ Motiven sind als Vorlage für Feldpostkarten und für Illustrationen in Soldatenzeitungen entstanden und fanden so ihre Verbreitung. Diese dokumentarischen Darstellungen haben mehr mit dem Alltag an der Front zu tun. Und man merkt, dass er da keine kritische Haltung an den Tag legt – aber auch keine huldigende.

Sondern?

Pereña: Er hat versucht, dieses Kriegsschicksal universaler zu betrachten. Er sieht es nicht zeitpolitisch, sondern als etwas, das passieren muss, als das reine Schicksal. Er schafft es auch bei seinen dokumentarischen Bildern, sich ganz zurückzuziehen. Das macht sie auch heute noch so wirksam. Sie sind visuell sehr potent, wenig erzählerisch oder beschreibend. Bei den bekannten Werken wie „Finale“, „Die Namenlosen“ oder auch der „Totentanz“ neigt man natürlich dazu, sie als pazifistische Manifeste zu betrachten. Auch wenn er das nicht intendiert hat. Aber egal, was er gesagt hat, „Finale“ ist einfach brutal. Und in dieser Diskrepanz zwischen dem, was er zeigt und dem, was er sagt, liegt die Qualität dieser Werke.

Im Zentrum steht der „Totentanz von Anno Neun“ in seinen verschiedenen Fassungen und mit Blick auf die widersprüchliche Rezeptionsgeschichte vom pazifistische­n Manifest bis zur auch nationalsozialistisch vereinnahmten Huldigung des Heldenopfers.

Pereña: Das liegt in der Natur der Sache, weil er nicht eindeuti­g ist. Es ist ein Bild, dem man mit dem eigenen Wissen, eigenen Vorurteilen und Erwartungen begegnen kann. Egger-Lienz war, als die erste Fassung entstand, gerad­e dabei, die Formen für seine monumentale Malerei zu finden, diese Verknappung aller Mittel. Und da tritt die Erzählung zurück.

Das Gespräch führte Ivona Jelcic

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